Musikrezension: Leonard Cohen | Popular Problems

Stil kann man hören

Leonard Cohen | Popular Problems Teaser

Oktober 2014 / Victoriah Szirmai

Die heutige Kolumne möchte ich mal wieder mit einem Geständnis beginnen. Ja, lieber Leser, es ist wahr: Es gibt Musik, die ich eifersüchtig vor Ihnen verstecke. Künstler, zumeist männliche, die meine ganz persönliche Hit-Liste anführen und die ich mit niemandem teilen möchte, nicht einmal mit Ihnen. Etwa den einzigartigen Asaf Avidan. Den schlicht überirdischen Avishai Cohen. Oder seinen nochmals in einer ganz anderen Großartigkeitsliga spielenden Namensvetter Leonard. Dass ich dessen letztes Album Old Ideas trotz dieser Vorbehalte vor zwei Jahren hier besprach, beweist nur eines: Wie lieb ich Sie, lieber Leser, doch habe. Ich teile meine tiefsten Geheimnisse und schönsten Schätze mit Ihnen.

Leonard Cohen | Popular Problems Cover

Dennoch habe ich wieder gezögert, Ihnen Popular Problems, ein Geschenk Cohens anlässlich seines achtzigsten Geburtstages an sich selbst, vorzustellen. Wie all meine Lieblingsmusik wollte ich es mit ins Bett nehmen, dazu einschlafen, damit aufwachen, und es sollte mir, nur mir ganz allein gehören, denn es ist ja klar, dass nur ich es wirklich verstehe, wahrlich zu schätzen weiß und darin aufgehen kann wie kein anderer! Nachdem dieser klitzekleine Eifersuchtsanfall dann auch vorüber war, habe ich mich hinter meinen Schreibtisch geklemmt und einfach meine Arbeit gemacht. Meine Damen und Herren, ich präsentiere Ihnen Popular Problems von Leonard Cohen!

Gleich zu Beginn steht schon fest: Wo's gängige Probleme gibt, ist auch der Blues nicht weit. Der Opener „Slow“ stampft sich in ganz unspektakulärer Schrammelbluesform heran, zu der Cohen mit gewohnt hypnotischer Stimme die Marschrichtung des Albums vorgibt: Er habe es, lässt er uns wissen, gern langsam. Nicht etwa, weil er alt sei – mitnichten! Vielmehr sei er die Dinge schon immer gern „slow“ angegangen, „that's what my momma said“, und Müttern soll man ja nicht widersprechen. Apropos Mütter: Die meine äußerste jüngst, dass man Cohen nur dann tagelang hören könne – ich berichtete gerade von einem entsprechenden Hörexzess –, „wenn man so ist wie du“. Übersetzung: Alle melancholisch grundgestimmten, latent depressiven Langsammacher werden sich in Cohens „Slow“ wiederfinden. Dafür schon einmal danke von uns.

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Klanglich zeigen sich allerdings schon hier die ersten Schwachpunkte des Albums: Da die Musik samt gniedelnder Orgel komplett von Patrick Leonard eingespielt wurde, knüpft der Sound stellenweise an Cohens Synthie-Verirrungen der frühen Neunzigerjahre an, und die neuen Stimmen im Background sind zumindest ungewohnt. Auch den perkussion-lastigen Smooth-Operator-Rhythmus Sadé'scher Provenienz von „Almost Like The Blues“ mit seinen perlenden Pianokaskaden würde man nicht unbedingt mit Leonard Cohen in Verbindung bringen, doch natürlich macht sich der alte Mystiker auch diesen dank seiner beschwörenden Vocals ganz zu eigen. Suchte man die musikalische Entsprechung zu smooth – hier wäre sie! Und so verläuft auch auf Stück Nummer zwo ein tiefer Graben zwischen Text und Musik, die einzig durch des Meisters Stimme zusammengehalten werden. Allein die Menge an alttestamentarischen Verweisen und identifikationsstiftenden Zeilen von bedrückender Relevanz lädt den Song mit genau jenem bisschen Mehr an Bedeutung auf, das den Unterschied zwischen einem guten und einem lebensbegleitenden Song ausmacht.

Leonard Cohen | Popular Problems 1.4

„Samson in New Orleans“ dann aber ist musikalisch derart glatt, dass es all jenen in die Hände spielt, die Cohen für klanggewordenes Valium halten. Es grenzt schon an ein Wunder, dass es dem Kanadier gelingt, selbst diese countryeske Ballade um Vertrauen und Verrat allein durch seine Poesie und seine charismatische Stimme herauszureißen. Anders gesagt: Ohne Cohen wäre der Samson eine fürchterlich banale Alleinunterhalternummer, mit ihm gerät er zu nichts weniger als einer Hymne – ein Effekt, der mich schon auf dem Vorgängeralbum verblüffte.

Den 6/8-Konservenrhytmus von „The Street“ finde dann allerdings sogar ich ... sagen wir mal vorsichtig: problematisch. Würde Cohen seine Lyrics nicht so inbrünstig rezitieren, ich täte mich mit dieser Nummer ausgesprochen schwer. Bei „Did I Ever Love You“ verlegt sich der Poet schließlich aufs Singen, was der Sache aber leider nicht zuträglich ist, möchte man diesen fürchterlich munteren Background-Beat doch viel eher bei einer Hillbilly-Bluegrass-Kapelle verortet sehen denn bei dem Prince of Despair. In meinen Ohren ist das Stück das schwächste des ganzen Albums – dann doch lieber die Alleinunterhalternummer!

Leonard Cohen | Popular Problems 1.1

Wer aber Popular Problems an dieser Stelle schon abgeschrieben hat, irrt gewaltig. Mit „My Oh My“ nämlich folgt endlich der Song, der alle eventuellen Zweifel und Einwände einfach wegfegt. Dabei bemerkt man zunächst gar nicht, dass es ausgerechnet dieses auf einem simplen Blues-Pattern beruhende Stück sein soll, das einen in seinen Bann ziehen und sich zum Schluss als jener Song erweisen wird, der tagelang – Stichwort: Hörexzess – auf Repeat läuft, bis die Nachbarn in kollektive Lethargie verfallen und der Hund eine ausgewachsene Herbstdepression entwickelt, während man selbst wohlig darin eintaucht und komplett darin aufgeht. Vielleicht muss man dafür wirklich „so sein wie ich“ – doch hören Sie sich nur mal diesen Bläser-Hook an, der seinen Job perfekt macht: Mich jedenfalls hat er unwiderruflich am Haken. Und darüber, dass Frauenflüsterer Cohen mit seinen achtzig Lenzen noch mehr Erotik in einem Millimeter Stimmband hat als sämtliche Junior-Crooner dieses Planeten zusammen, muss ich wohl keine weiteren Worte verlieren. Ebensowenig über seine lässige Eleganz, welche die jungschen Businesshansel selbst nach der Lektüre hunderter Ausgaben des Gentlemen's Quarterly nie erreichen werden, und ja, auch Stil kann man hören. Was ich zu Cohens letztem Album festgehalten habe, gilt nach wie vor: Sofort heiraten würde ich den! Leider hat er bislang noch nicht gefragt.

Leonard Cohen | Popular Problems 1.3

Den Zauber inklusive romantischen Hochzeitsphantasien bricht der Plastik-Stampf-Beat von „Nevermind“, angesichts dessen sich der Cohen-Connaisseur nur befremdet fragen kann, warum?! Warum tut er das bloß? Ich wünsche mir die extrahierte Vokalspur dieses heiser geflüsterten Stückes, um sie ganz pur zu genießen. Die Begleitmusik für diesen Lüge und Wahrheit in Zeiten des Krieges umkreisenden Text jedenfalls braucht, trotz (oder auch wegen) ihrer orientalisierenden Einsprengsel, kein Mensch. Umso schöner, wenn es dann mal einen echten Bass und ein echtes Schlagzeug gibt wie auf „Born in Chains“. Danke Joe Ayoub, danke Brian Macleod!

Selbst die ansonsten recht penetranten Sechstachtel-Orgeleien Patrick Leonards kommen hier in bester Sixties-Southern-Soul-Tradition rüber, während sich Cohen selbst an seinen ewigen Themen abarbeitet: dem Kampf des bekennenden Buddhisten mit seinem Judentum, der immer wieder auf das blutige Treiben in den Tempeln unter den Pharaonen und den konsekutiven Auszug der Israeliten aus Ägypten rekurriert, der ihm gleichzeitig Verheißung und Verhängnis, in jedem Falle: unlösliche Verstrickung scheint, und schon in den Sechzigerjahren Anlass für seine – durch allerlei Substanzgebrauch befeuerte – Wahnvorstellung gab, den Tempel aus eigener Kraft wieder errichten zu können. Wenn das jemandem zuzutrauen ist, dann einem mit dieser Stimme – noch dazu, wo ihm als Spross der Kohanim das Hohepriesteramt im Blut zu liegen scheint. Was auch immer er zelebriert, die Masse lauscht andächtig. Und glaubt.

Derart gefügig gemacht, verzeiht der Hörer auch Selbstreferenzen á la „You got me singing/The Hallelujah Hymn“; und endlich, endlich, klingt auch der Backgroundchor, Dana Glover sei Dank, wieder wie zu seligen Zeiten der göttlichen Webb-Sisters und der nicht minder anbetungswürdigen Sharon Robinson, die den Cohen-Sound der letzten Jahre so maßgeblich geprägt haben. Gänsehautgeschüttelt möchte sich der Hörer in den erlesenen Schwingungen von „You Got Me Singing“ vor seinen Boxen auf dem Boden wälzen. Hört man über die unselige Geige hinweg, hat dieser Song das Potenzial, eine ähnliche Hymne wie „Going Home“ vom letzten Album zu werden. Erhebend. Oder, wie Lieblingsleser A. L. es in seinen unnachahmlichen Strategien der Vergeblichkeit auszudrückten beliebt: „Wieder gut. Noch einmal besser. Nun habe ich wieder Hoffnung für meine späten Jahre.“

 

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Im Test:

Vollverstärker:
Dussun V8

Audiochina GmbH
www.dussunpower.org

UVP: 1.200 EUR


 

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Audiomeca Obsession II
Creek Destiny

Verstärker:

Accuphase E-212
Classic 6.6
Creek A 50i
Lua 4040C

Lautsprecher:

Thiel CS 2.4
ZU Druid mk4
Sehring 703 SE
Spendor S3/5
Sonics Argenta

Kabel:

NF: Straight Wire Virtuoso, Zaolla Reinsilber NF

LS: Ortofon SPK 500, Straight Wire Rhapsody, HMS Al Cinema

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

eifersucht

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

mit gewohnt hypnotischer stimme

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

perlenden pianokaskaden

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

klanggewordenes valium

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

stichwort: hörexzess

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

orientalisierende einsprengsel