intensiv und mitreißend

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

die stimme als analytisches werkzeug

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

stets leicht distanziert

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

eine kleine nachtmusik

Berlin, die Dritte: Ende vom Lied, sinnlich und distanziert

Lisa Bassenge / Won't be Home Tonight - live

Das Ende des Jazz wird ja häufiger betrauert. Gerade wenn man von Sängerinnen spricht. Lisa Bassenge geht es da nicht anders als Billie Holiday zu ihrer Zeit, die auch keinen Wert darauf legte, ihren intensiven Ausdruck mit technisch beeindruckenden Scat-Koloraturen zu verwässern. Aber zu den Stärken der großen Sängerinnen gehörte auch schon immer eine gewisse Unbeirrtheit, was die Schubladensysteme der selbsternannten Gralshüter des guten Geschmacks, die recht eigentlich Gefängniswärter sind, anbelangt. Hauptsache, sie blieben sich selbst treu.

Lisa Bassenge

Intensive und mitreißende Authentizität war auch der Bassenge schon immer zu eigen ob als Teil der Berliner Electro-Chanson Formation „Nylon“, mit dem „Lisa Bassenge Trio“ oder auf Solopfaden. Nun stellt sie diese mittels ihres ersten Live-Albums auf den Prüfstand, denn wohl nichts bringt kleine Schwächen so sehr ans Licht wie ein solches. Unglaubwürdigkeit könnte und würde hier niemals bestehen. Aber auch Stärken kommen live allemal besser zur Geltung als in der sterilen Studiowelt: kein Netz, kein doppelter Boden, keine Chance auf Wiederholung einer eventuell missratenen Phrase.

Bislang bevorzugte die Sängerin die kleine Besetzung - Bass, Klavier, Stimme, sonst nichts -, bot ihr diese doch die besten Voraussetzungen für jene innige Intimität, die nötig ist für das Bassenge’sche Repertoire, welches sich aus dem Entkernen, Zerpflücken, Verfremden und schließlich Wiederzusammensetzen bekannter Songs aus der Geschichte von Jazz, Rock’n’Roll und Pop speist. Analytisches Werkzeug für diesen Schälprozess war stets die zwar unprätentiöse, aber sich selbst durch die deutlicher Verlangsamung des Tempos der Lieder „mikroskopisch“ auskostende Stimme - der ihre beiden Mitstreiter größtmöglichen Raum ließen.

Mittlerweile wurde das Trio um den vertrauten Bassisten Paul Kleber und den neuen Pianisten Christoph Adams herum mit Lisa BassengeSchlagzeug (Rainer Winch) und Gitarre (Kai Brückner) zu einer vollständigen Band ausgebaut. Obwohl sich aus deren Zusammenspiel nahezu zwangsläufig neue klangliche Wege oder zumindest Gewichtungen ergeben haben – so zum Beispiel die Verschiebung von der klassischen Reinheit des Klaviers in Richtung elektrischer und insgesamt modernerer Sounds –, war alles Bangen um die bisherige, quasi als Markenzeichen fungierende Intimität umsonst: Won’t be home tonight … Live sollte zum Dokument des Erfolges des runderneuerten Konzepts werden.

Die charakteristische Transparenz des Bassenge’schen Sounds blieb erhalten; das Album klingt, als würde direkt im heimischen Wohnzimmer und nicht im Charlottenburger Jazzclub „A-Trane“ gespielt. Auch wenn die Band mal übermütig losstürmt, mal technisch-virtuos brilliert, mal ideensprudelnd improvisiert – sobald die Sängerin ans Mikrophon tritt, nehmen sich die Musiker zurück und schaffen wieder jenen transparenten Rahmen, in dem die klare Stimme der Bassenge ihre bestrickend untergründige Wirkung entfaltet, mal görenhaft frech und gleichzeitig scheu, mal lasziv säuselnd und stark, aber stets leicht distanziert von ihrem Sujet.

Lisa BassengeAm interessantesten und stärksten sind auch auf Won’t be home tonight … Live die Interpretationen der Berlinerin –ob sie sich nun dem Rhythm & Blues der Neville Brothers annimmt (It’s Raining), die Eurythmics lässig-elegant auf der Easylistening-Welle swingen lässt (There Must Be An Angel), den Gothic-Pop von The Cure in ein schwüles Zeitlupentempo überträgt (In Between Days) oder gar den Hardrock AC/DC’scher Prägung als dreckigen Blues in einen Juke Joint der Südstaaten verpflanzt (Little Lover). Am aller-überzeugendsten aber ist Lisa Bassenge in ihrer Muttersprache: Schon allein die Gänsehaut-Version von Rio Reisers Klassiker Junimond ist den Kauf des Albums mehr als wert. Insgesamt gesehen ist Won’t be home tonight … Live trotz des fröhlichen Openers eine kleine Nachtmusik - langsam, sinnlich, intensiv -, der man auch morgens verzeiht, wenn sie einen weckt und sanft in den Tag hinübergleiten lässt.