Report: Workshop-Besuch bei Backes & Müller

Karlsberg, Lyoner und Aktivlautsprecher

Backes & Müller

Juli 2016 / Michael Bruß

Im Saarland läuft so einiges ein bisschen anders als sonst wo in Deutschland. Das ist bei der Lebensart so („Kommsche heit nit, kommsche morje“), beim Essen (hier wird geschwenkt und nicht gegrillt, der Lyoner ist kein Franzose, sondern eine ringförmige Fleischwurst, und „Bier“ ist ein Pseudonym für „Karlsberg Ur-Pils“), und augenscheinlich auch schon seit geraumer Zeit in Sachen Lautsprechertechnologien. Nicht viele Kenner der Szene dürften zum Beispiel wissen, dass der berühmte Corona-Ionenhochtöner, wie ihn heute Lansche Audio exklusiv verbaut, auf ein Patent des saarländischen Urgesteines und ehemaligen HiFi-Händlers Otto Braun zurückgeht. Dessen Laden in Saarbrücken war übrigens einer der Anfangspunkte für meine HiFi-Sucht.

Aber auch auf der größeren Skala hat Saarbrücken seit 1975 mit Backes&Müller (http://backesmueller.de) eine echte Koryphäe zu bieten. Aktivlautsprecher waren damals ja eher eine Profi-Angelegenheit fürs Tonstudio, aber nicht für zu Hause. Das hat sich im Grunde erst seit dem Aufkommen von Streaming und kabelloser digitaler Audioübertragung nachhaltig verändert, auch wenn Firmen wie Linn die Aktiv-Fahne über die Jahre immer schon hochgehalten haben.

Gebäude von B&M
Was machen Audiophile im Sommer? Grillen und ...

So ist die Historie von Backes&Müller keine durchgehende rosige Erfolgsstory; unruhige Fahrwasser waren insbesondere in den 1990er-Jahren durchaus zu finden. Seit 2001 nun hat die Firma mit Johannes Siegler einen neuen Chef, der das Portfolio ebenso wie das Vertriebskonzept rigoros umgestaltet und es so geschafft hat, die Traditionsmanufaktur nicht nur wieder in die Spur zu bringen, sondern auch sehr wettbewerbsfähige Produkte zu bauen. Heute sind die Produkte von Backes&Müller in Deutschland im Direktvertrieb von zwei sogenannten „Premium-Partnern“ zu haben, die sich vollständig auf die Vermarktung der saarländischen Aktivlautsprecher konzentrieren – inklusive Liefer- und Aufstellservice beim Kunden vor Ort.

B&M Hörraum
... hören. So erklärt sich auch der Look des vorführenden Vertriebspartner Hans Gülker beim B&M-Workshop

Der Tag der offenen Tür inklusive Werksbesichtigung – von dem ich im Folgenden berichte – steht dabei in einer ganzen Reihe von Workshops, die Firma und Vertriebspartner für ihre potenziellen und bestehenden Kunden und interessierte HiFi-Fans durchführen. Wann und wo die nächsten B&M-Workshops stattfinden, können Sie dieser Aufstellung entnehmen: http://backesmueller.de/workshops.html

Wie gesagt, im Saarland gehen die Uhren oft ein bisschen anders, und deshalb hat man sich am Firmensitz auf den Saarbrücker Saarterrassen auch einen ganzen Samstag Zeit genommen, seine Gäste zwanglos und in lockerer Atmosphäre mit bestem Grillgut und lokalen Flüssigspezialitäten zu bewirten; das Ganze bei angenehmem Wetter. Gehört wird natürlich auch, also sind im großen firmeneigenen Hörraum mehrere Modelle aus den beiden Linien von B&M aufgebaut, angesteuert von der „ICE“ genannten D/A-Wandler/Vorstufe im milchigen Plexiglasgehäuse.

Backes&Müller ICE

Nebenan geht's zur Produktionshalle, durch die heute dreimal eine sehr intensive und aufschlussreiche Führung stattfindet. Unter anderem gibt es die Line 25 und 35 zu hören, und auch die Prime 12 darf ihr Signal aus dem ICE nuckeln. Fazit der Hörsession: Wer auf unkomprimierten, extrem dynamischen und breitbandigen Sound steht, der auch mal richtig laut kann und dabei höchste Auflösung liefert, der sollte unbedingt mal ein Ohr bei B&M riskieren ...

Das Saarland ist klein, und deshalb bin ich zuallererst mal über Kai Kessler, den Schlagzeuger meiner Ex-Band GREED, gestolpert, der mit Frau und Sohnemann zu Gast war. Na ja, nicht wirklich zu Gast, denn er arbeitet seit einiger Zeit beim Profi-Ableger von Backes&Müller, KS Digital. „Nein, eigentlich sind die Lautsprecher schon sehr unterschiedlich, das fängt schon bei den Endstufen an“, versichert er mir. Auch Johannes Siegler, der sich extrem gechillt zu uns gesellt, winkt ab. „Das sind zwei Welten, auch wenn sie in der gleichen Halle gebaut werden.“

Johannes Siegler von B&M
Vorne B&M-Geschäftsführer Johannes Siegler, im Hintergrund Produktionsleiter André Hammerschmidt

Die Zahl der Mitarbeiter hat sich von ihrem Höchststand in den 1980er-Jahren von etwa 40 auf 15 für beide Marken zwar deutlich verringert, jedoch hat man es durch einige Effizienzsteigerungen geschafft, eine beeindruckende Fertigungstiefe im Haus zu halten. Bis auf die Gehäuse der Lautsprecher und der ICE DAC-Vorstufe, die Platinen für die Endstufen und Prozessor-Boards sowie die elektronischen Komponenten wird so gut wie alles im Haus produziert und zusammengebaut. Die Konusse der Mitteltontreiber zum Beispiel werden von Hand in einer Presse tiefgezogen und gestanzt, und die Platinen direkt hier bestückt. Etwa 150 Paare verkauft Backes und Müller laut eigenen Angaben im Jahr. Angesichts des Einstandspreises von deutlich über 8.000 Euro für die kleinste Box, die Prime 6, nicht schlecht!

Chassis bei B&M

Sehr sympathisch ist, dass die Gehäuse nicht aus Fernost oder Osteuropa stammen, sondern von zwei Schreinereien aus der Nähe von Trier beziehungsweise aus der Eifel geliefert werden, die beide jeweils extra Mitarbeiter allein für die Fertigung der Backes&Müller-Gehäuse beschäftigen. Selbst die Platinen und eine Vielzahl der weiteren Komponenten stammen laut Produktionsleiter André Hammerschmidt von Lieferanten aus dem südwestdeutschen Raum. So will man eine weitestgehend Kontrolle über die Serienkonstanz und damit Qualität der Bauteile behalten. Kurze Wege haben eben noch nie geschadet und sind im Zweifelsfalle günstiger als niedrige Listenpreise.

Hochtöner

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

ein bisschen anders

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

direktvertrieb

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

zwanglos

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

beeindruckende fertigungstiefe