fairaudio HiFi Stereo - HiFi Test - HiFi Magazin

 

 

 

 

 

 

die apocalypse - wie gemacht für einen röhrenverstärker

 

 

 

 

 

 

 

hyperrealistisch

 

 

 

 

 

 

 

 

zu wolkig?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

aus der steinzeit
des digitalhalls

 

 

 

 

 

 

 

 

ist das so?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

etwas
ungemein dickes

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

von wegen zartes röhrenverstärkerchen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

auffällig

 

 

 

 

 

eine lektion in natürlichkeit

 

 

 

 

 

 

telefonieren?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

flexibel-differenziert

Charakterstark: Klang Audiomat Aria

audiomat aria

Die Hörsession beginnt mit Bill Callahan, „Riding for the feeling“ vom aktuellen Album Apocalypse. Ein Song wie gemacht für einen Röhrenverstärker, so könnte man klischeehaft denken: Schön gemächlich im Tempo und sparsam instrumentiert. Eine leicht schrummelige Akustikgitarre als Basis, vereinzelte, lang nachklingende E-Gitarren-Töne, ein paar Akkorde auf dem Wurlitzer-E-Piano, sanfte Schlagzeugbegleitung und nicht zuletzt Bill Callahans knarziger Baritongesang. Erster Eindruck und erstes Wort im Notizbuch: „live!“ - lebendig, sehr naturgetreu.

bill callahanCallahans brüchige, beinahe schon versoffen klingende Stimme strahlt über den Aria trotz ihrer porösen Art etwas unglaublich Warmes ab. Das Wurlitzer-Piano klingt, als würde es direkt vor einem im Hörraum stehen. Es wird ganz klar spürbar, dass dieses elektroakustische Instrument aufnahmetechnisch mittels der eingebauten Lautsprecher mikrofoniert - und nicht per Kabel direkt mit dem Mischpult verbunden wurde.

Jedes Membranflattern der Lautsprecher ist vernehmlich, die Rauschfahnen des im Wurlitzer eingebauten Tremolo-Effekts zischeln ebenso ungebremst in die Stube. Das Schlagzeug hingegen wirkt geradezu hyperrealistisch, besonders auffällig sind der Variantenreichtum und die Authentizität der verschiedenen Beckenklänge. Trotzdem fügen sich jedoch alle Details zu einem harmonischen Gesamteindruck zusammen, wir haben hier einen gelungenen Spagat zwischen Schlüssigkeit der Gesamtdarbietung und Präzision der Einzeldarstellungen.

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Auffällig ist auch, dass der Aria bei diesem Song den einzelnen Schallquellen sehr viel Platz lässt. Es gibt sicherlich Verstärker, die die Instrumente noch präziser und eindeutiger im Panorama festnageln - dafür erhält man hier jedoch eine räumlich sehr „luftige“ und „lebende“ Darbietung. Das klingt Ihnen zu wolkig? Dann muss ich nochmal auf das Live-Erlebnis verweisen: Auf einem Konzert stehen die einzelnen Akteure ja nicht wie angewurzelt auf ihren Plätzen, sondern bewegen sich hin und her. Und genau diese Atmosphäre reproduziert der Aria auch im Hörraum. Interessanter Start.

Der iPod in seinem erbarmungslosen Shuffle-Modus schlägt nun das (selbstverständlich verlustfrei eingelesene und über das Pure I-20-iPod-Dock vermittelte) „Fortress Around Your Heart“ von Sting (Album „The Dream Of The Blue Turtles“) vor. Als die ersten Gitarrenpickings erklingen, bin ich gespannt wie ein Flitzebogen, denn rückblickend klingt diese Produktion aus dem Jahr 1985 für mich doch ganz schön muffig und „nass“ - und sie macht mir auf modernen, allzu analytisch-sezierend arbeitenden Anlagen kaum Spaß.

Daher bin ich nun doch einigermaßen erstaunt, wie rund das Stück über den Aria klingt. Gut, was man nicht ganz wegbekommt, ist der über Gesang und Drums liegende stingmatschige Raumteppich aus der Steinzeit des Digitalhalls. Trotzdem klingt’s über den Aria überwiegend stimmig. Die Aufnahme hat Dynamik, ein gewisses „Pulsieren“, eine hier eher kleine, aber gut ausgeleuchtete Bühne und auch ganz gut Druck, vor allem in den Refrains, die gegenüber der Strophe mit deutlich mehr Vehemenz angegangen werden. Erstaunlich schön! Vielleicht ist dies die Gelegenheit, an dieser Stelle näher auf die Leserbriefe von Caspar Holz und Matthias Baumgarten hinweisen, die die interessante Diskussion angestoßen haben, ob es nun gerade die Schwäche oder Stärke einer Komponente sei, wenn sie eine eher inferiore Aufnahme schön klingen lässt.

Caspar Holz schrieb uns hierzu: „Ein wirklich gutes Gerät klingt auch mit einer bescheidenen Aufnahme zumindest akzeptabel, beziehungsweise es bleibt ein gewisser Spaßfaktor nicht völlig auf der Strecke.“

Ist das so? Soll die Komponente dem Zuhörer ungeschönt alle Unzulänglichkeiten der Produktion aufzeigen - oder soll sie sie audiomat aria fernbedienunginsoweit geraderücken, sprich harmonisieren, dass man das Musikstück trotzdem gerne hört? Schwierige Frage, fast unlösbar, denn wir geraten hier in den Randbereich zwischen Studio- und Wohnzimmertechnik. Im Studio ist der Hörende, in diesem Fall der Tonmeister oder Produzent, ursächlich darauf angewiesen, jeden „Fehler“ zu hören. Im Wohnzimmer hingegen möchte ich ihn jedoch vielleicht lieber unter den Teppich gekehrt haben. Die Entscheidung muss jeder selbst treffen - ich kann nur feststellen, dass die gutmütig-ausgleichende Herangehensweise des Aria dafür gesorgt hat, dass ich Stings „Fortress Around Your Heart“ erstmals wieder bis ganz zu Ende gehört habe, denn spätestens beim schauderhaft aufgenommenen Sopransaxofon habe ich in der Vergangenheit üblicherweise zum nächsten Song geskippt.

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Weiter geht’s mit wehmütiger, zudem akustisch etwas unübersichtlicher Kost: Beiruts „Port Of Call“ vom jüngst erschienenen Album The Rip Tide (siehe Platten-Besprechung). Hier drängeln sich neben dem Gesang eine ganze Menge von Instrumenten auf der Bühne: Glockenspiel, Ukulelen und Gitarren, Klavier, diverse Bläser und schepperndes Schlagzeug.

Was sofort auffällt: Das offensichtlich nicht allzu hochwertige Glockenspiel klingt zwar schon wie ein Glockenspiel, „fühlt“ sich aber doch schon recht preiswert an: metallisch-scharf, beirutKinderzimmer-Assoziationen weckend; aufgrund des wunderbar langen, realistischen Ausschwingens trotzdem aber hörenswert. Die Gitarren und Ukulelen weben einen aktivierenden Rhythmusteppich, der Zach Condons klagende Stimme ideal stützt. Diese Stimme weist über den Aria übrigens etwas ungemein „Dickes“, Substanzielles, Volltönendes auf. Der Aria kann offenbar, das fiel mir beispielsweise schon bei Bill Callahan auf, insbesondere Stimmen das gesamte Volumen abgewinnen - dies übrigens ohne eine hörbare Betonung oder Vernachlässigung eines Frequenzbereichs, aber mittels einer ausgezeichneten Darstellung der Mitten.

Als später im Stück das Klavier hinzukommt, scheinen die anderen Akteure buchstäblich ein wenig auseinander zu rücken, um Platz für das Tasteninstrument zu machen. All dies resultiert in einem in Breite und Tiefe wahrhaft raumfüllenden Klangerlebnis. Ähnlich wie bei Bill Callahan kann ich feststellen: Die Akteure wirken keinesfalls im Stereo-Panorama festgenagelt; es scheint eher, als würde die Bühne „atmen“. Das Stichwort auch hier: Live-Atmosphäre, sehr organisch, lebendig.

Wechsel auf den CD-Spieler. Tame Impala mit dem Song „Desire Be, Desire Go“. Diese zeitgenössische Neo-Psychedelic-Band tame impalaknüpft ungefähr da an, wo die seligen Can und Hawkwind damals aufgehört haben: bei treibender, hypnotischer Musik mit allerlei Klangspielereien, viel Fuzzgitarre und bisweilen einer, äh, skurril-bekifften Gesamtatmosphäre. Das macht dem Aria hörbar Freude. Die extrem komprimierten und mit ungewöhnlichen EQ-Einstellungen gemischten Gitarren kleben geradezu am Innenohr und werden vom Aria mit einer erstaunlichen Vehemenz in den Raum geblasen. Von wegen „zartes Röhrenverstärkerchen“ oder „lauer Dämpfungsfaktor“ - der Knabe kann richtig Gas geben, wenn es denn sein muss.

Es eilt ja den meisten Röhrenverstärkerkonzepten der Ruf voraus, sie führten die Musik an der „langen Leine“ spazieren, was einerseits zu sehr relaxtem Aufspielen führen kann, häufig aber auch den rechten Punch, ein „Zupacken“ vermissen lässt. Das kann ich dem Aria an dieser Stelle nicht uneingeschränkt bescheinigen, er bratzt hier grobdynamisch richtig los, die Einschränkung betrifft eher das Tonale: Der Tiefbass ist schön federnd-agil, aber nicht primär körperlich-satt. Gegenüber meiner Referenz-Kombi aus Funk LAP-2 Vorstufe und Myryad MXA 2150-Endstufe liefert der Aria etwas weniger Pegel im Tiefbass-Bereich.

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Am auffälligsten bei diesem Stück ist jedoch der Umgang mit dem stereofonen Raum: Der Aria baut aus dem Musikmaterial eine kompakte, klar definierte, fast schon klaustrophobische Anwandlungen provozierende „Box“, in der einen die Gitarren schlicht wegwehen. Steht das nicht ein wenig im Widerspruch zu den bisherigen zwei Hörerfahrungen von opulenter, weiter Räumlichkeit? Jawohl, das tut es. Und das ist für mich auch das Spannende. Es scheint - auch wenn das esoterisch klingen mag - als würde sich der Aria auf jedes Stück neu einstellen und es auf eine gewisse Art und Weise „interpretieren“, anstelle es kühl und faktenorientiert zur eigenen Beurteilung zu servieren. Vielleicht ist es aber auch so, dass der Aria einfach die Bemühungen der Musiker und Produzenten unterstreicht und somit besonders gut zum Ausdruck bringen kann.

Als nächstes liegt Radiohead’s „Codex“ im CD-Spieler. Ein Lied, das von einem getragenen Klavier, merkwürdigen 70er-Jahre-Synthesizerklangflächen und Thom Yorkes Stimme lebt, rhythmisch gestützt von einer einsamen, synthetischen Bassdrum, radioheaddie das Stück minimalistisch wie einen Herzschlag begleitet. Wiederum eine Lektion in Natürlichkeit. Thom Yorkes Stimme wirkt hier geradezu wie ein eigenes Instrument. Jede Nuance, jeder heisere Nebenklang, jeder Wechsel von Brust- in Kopfstimme wird über meine Neat Momentum 4i so klar und deutlich wiedergegeben, dass man unweigerlich in den Bann gezogen wird. Und obwohl Stimme und Klavier sich vom Voicing her überwiegend in derselben Tonlage befinden, sind sie doch für sich klangfarblich autark. Auch die Synthesizerflächen werden höchst akkurat wiedergegeben und fügen sich mit dem Konzertflügel organisch zu einer Art Yin/Yang zwischen akustisch und elektronisch zusammen.

Zeit für ein erstes tonales Zwischenfazit: Der Audiomat Aria verfügt über einen flinken, aber substanziell nicht ausnehmend tiefgehenden Bass, an den sich bruchlos die Mitten anschließen, die sehr farbig, differenziert, „leuchtend“ klingen. Zum Obertonbereich hin wird der Aria enorm wandlungsfähig. Ich sehe jetzt gerade den Kollegen Jörg zum Telefonhörer greifen und die Worte: „Jochen, kannst du das nicht bitte etwas HiFi-gerechter, wissenschaftlicher ausdrücken?“ vorformulieren. Nein, kann ich eigentlich nicht.

Der Aria klingt weder samtig, noch hell abgestimmt. Aber er kann beides. Dies fällt ganz besonders bei Schlagzeug und Becken auf. Allein ein Ridebecken verfügt ja über eine große klangliche Spannweite, je nachdem, an welcher Stelle und wie es angeschlagen wird. Mit Besen gestrichen klingt es eher samtig-mittig, mit einem Stick - womöglich gar auf die Kuppel geschlagen - hingegen hell und attackreich, während es mit dem Paukenschlegel dumpf-grollend werden kann. Dies, inklusive aller fein differenzierten Unterschattierungen, gibt der Aria mit einer erstaunlichen Flexibilität und Anpassungsfähigkeit wieder. Er kann im Oberton zupackend und bissig klingen - so wie bei dem genannten Glockenspiel - aber auch durchaus „mellow“, wenn es denn erforderlich ist.