was schimmert da?
kupfer!
sehr gute wärmeleitfähigkeit
ergonomischer traum
es fehlt nicht viel, und man könnte fast den fingerabdruck der musikerin erraten.
bloom!

Zurück zu unserem Testprobanden, dem JungSon JA 88D. Auch dieser ist ein reiner Class A Verstärker und sehr salopp könnte definiert werden: "Class A" ist, wenn man sich die Finger verbrennt. Der Bursche wird jedenfalls gut heiß, das Heilmittel Ruhestrom scheint ihm gönnerisch verabreicht zu werden. Schlecht für die Stromrechnung, aber in aller Regel gut für den Klang. Der Endtransistoren sind acht pro Kanal vorhanden, links und rechts angeordnet, wie es sich für eine Doppelmono-Konstruktion gehört. Das geschirmte 600 VA-Netzteil thront in der Mitte, davor steht eine kleine Armada von Kondensatoren bereit. Aber am auffälligsten sind die Kühlrippen, die sehen wirklich anders aus:

Der Grund ist, dass hier - statt "gewöhnlichem" Alu - Kupfer verwendet wurde. Die quadratischen Scheiben sind mittig auf einer Stange aufgereiht und verschraubt. Auf jeder Seite sind vier stärkere Platten zu finden, je ein Paar der Leistungstransistoren wird dort postiert. Warum nun Kupfer? Wohl deswegen, weil die spezifische Wärmeleitfähigkeit (also die Geschwindigkeit, mit der sich thermische Energie in einem Stoff ausbreitet) dieses Metalls fast doppelt so hoch ist, wie die von Aluminium - sehr hilfreich, soll die durch die Class A-Technik erzeugte Abwärme effektiv abgeführt werden. Allerdings ist nicht nur die Wärmeleitfähigkeit von Kupfer hoch, der Preis ist es auch. Er liegt beim cirka Dreifachen dessen, was Aluminium kostet. Zudem sieht die ganze Konstruktion sehr nach manueller Arbeit aus. Es muss schon festgehalten werden: Das ist mehr als das Übliche. Solchen Aufwand leisten sich andere nicht, schon gar nicht in dieser Preisklasse.
Der JungSon JA 88D besitzt vier Hochpegeleingänge, wovon einer symmetrisch ausgelegt ist. Der ebenfalls vorhandene Vorstufenausgang ermöglicht eine externe Endverstärkung oder einen Bi-Amping Betrieb.

Hierfür bietet sich die JungSon Endstufe JA 99C an. Freilich ist dies nicht gerade zwingend notwendig - die 80 Watt an 8 Ohm dürften in fast allen Fällen reichen. Auf dem mustergültig angelegten Anschlussfeld auf der Rückseite des JA 88D finden gleich zwei Lautsprecherausgänge ihren Platz.
Die Cinchbuchsen sind vergoldet und verschraubt, die Anschlüsse für die Lautsprecher fallen solide aus und vor allem: Alle Kontaktmöglichkeiten sind schön weit auseinander postiert. Zwischen dem linken und rechten Cincheingang liegen glatt 25 cm Luftlinie! Wie gesagt, wenn ich etwas mag, dann sinnvolles Design.
Der JungSon JA 88D macht einen soliden, attraktiven und durchdachten Eindruck. Er ist schon fast verdächtig hübsch, spart aber auch nicht an verborgenen Stellen - siehe Kupfer-Kühlrippe. Und das Design bei ihm nicht "Schminke" bedeutet, wird klar, hält man die Fernbedienung zum ersten Mal in der Hand oder wechselt - wie ich ja naturgemäß - öfter die Kabelage. Es ist nicht nur haptisch ein Genuss, sondern schlicht und ergreifend sehr praxistauglich.

So zwanzig bis dreißig Minuten braucht der JungSon JA 88D fürs "Warm-up". Sowohl im wörtlichen, wie auch im übertragenen Sinne. Soll heißen: Die klanglichen Leistungen gewinnen während dieser kurzen Spanne. Ist die Betriebstemperatur erreicht, geschieht erstaunliches:
Es ist der berühmte "Vorhang-zur-Seite"-Effekt, der Raum öffnet sich, der Hörer sieht sich verwundert um und denkt: "Ach so schaut es hier aus!" Diese Reaktion ist der außergewöhnlichen Mittenwiedergabe geschuldet, die der JA 88D beherrscht, wie nur wenige. Er ist gleichsam detailliert, analytisch und auf der Suche nach feinen musikalischen Verästelungen; aber auch mit natürlichen Klangfarben gesegnet, warm und körperreich. Bei der Wiedergabe einer Harfe präsentieren sich die Tugenden exemplarisch: Werden die Saiten gezupft, fehlt nicht viel, und man könnte fast den Fingerabdruck der Musikerin erraten, derart präzise nachzeichnend folgt dieser Verstärker dem "Anreiß-Geräusch". Und hierdurch schon begeisternd, setzt der JungSon-Amp noch einen drauf - den Ausklang vermittelt er völlig glaubhaft und mit dem richtigen Körper versehen. Sonor und warm tönt es, aber auch völlig klar - nicht einfach "gemütlich".

Exkurs chinesische Kabel:
Herr Scholz vom deutschen JungSon Vertrieb war so freundlich, uns ein paar Kabel einer kleinen chinesischen Manufaktur zur Lieferung des JA 88D beizulegen. Die Marke heißt SSS - dies steht für
Sophisticated Sonic Systems.
Mein erstes Erstaunen galt den goldglänzenden Anschlüssen, mein zweites der gartenschlauchartigen Dicke der Strippen ... Am meisten wundert aber der Preis: Je 59,- € für 1,5 Meter Cinch- oder XLR-Kabel und 69,- € für 2,5 Meter Lautsprecherkabel (das Paar, wohlgemerkt). Dafür in dieser Verarbeitungsqualität und mit "Filter-Boxen" versehene (Cinch+XLR) Verbinder zu finden, wird schwer. Und wie klingen sie? Nun, wir haben keinen dezidierte Kabel-Test unternommen, aber vor dem Hintergrund des Preises lässt sich sagen: sehr anständig! Das gilt vor allem für das
LS-Kabel. Gut, das von mir standardmäßig verwandte ZU Audio Libtec ist tatsächlich in allen Belangen besser - höhere Auflösung, klarere Mitten, knackigerer Bass. Aber um den Faktor 10? Jedenfalls verhalten sich so die Preise zueinander ... (die SSS-Produktkürzel: Cinch:
HF-4022A, XLR:
HF-4032C, LS-Kabel:
WN2171)
Natürlich beschreibt das noch nicht alles, was diesen Verstärker besonders macht. Auf der Suche nach dem richtigen Begriff, kommt mir das Wort "Bloom" in den Sinn, wie es bisweilen in englischsprachigen Produktbesprechungen verwendet wird. Was blüht uns denn jetzt? Einer, der es wissen muss, der Chefredakteur von "the absolute sound" - Mr. Robert Harley - definiert den Begriff so:
"Bloom - the impression that individual instrumental images are surrounded by a holo of air - is often associated with soundstaging. [...] It is as though the instrument has a little space around it in which it can "breath". Bloom gives the soundstage a more natural, open, and relaxed feeling."
Und genau dieses Gefühl habe ich bei der Mittenwiedergabe des JungSon: Die Bühne wird der Breite wie der Tiefe nach aufgebaut, aber hier steht kein strenger Zuchtmeister und weißt den Akteuren mit dem Zeigestock ihren Platz zu (was auch seinen Charme haben kann ...), hier wachsen die Klänge in den Raum hinein und halten voneinander Abstand durch das "Luftpolster", welches sie umgibt. Vielleicht kann dieses Gedicht auch gleich wieder vergessen werden - aber unter dem Strich bleibt es so, wir Mr. Harley den Effekt beschreibt: Die Bühne gerät offen, natürlich und vor allem entspannt-authentisch. Diese Fähigkeit, in Kombination mit dem schon erwähnten Detailreichtum und den überzeugenden Klangfarben, lässt die Musik zum Guckkasten werden - ein glasklares 3D-Gebilde baut sich auf und die Klänge in den einzelnen Schichten lassen sich "frei zugänglich" begutachten.