fairaudio HiFi Stereo - HiFi Test - HiFi Magazin

Test: JaWil Heimdall | Lautsprecher (teilaktiv)
Preis: ab 1.900 Euro

Bodenständiger Hedonist

JaWil Heimdall

Juni 2015 / Martin Mertens

Was ich an der HiFi-Szene unter anderem mag, ist, dass sie so bunt ist. Neben traditionsreichen, etablierten Firmen gibt es zahlreiche Einzelkämpfer und kleine Unternehmen, die sich in den Dienst des guten Klanges stellen. Und immer wieder gibt es engagierte Neuzugänge. Die Einen hoffen einfach schnelles Geld zu verdienen – im Luxussegment soll ja immer was gehen –, den Anderen geht es mehr darum, ihre eigenen Vorstellungen von guter Musikwiedergabe zu verwirklichen. JaWil Audio, deren „kleinste“ Lautsprecher Heimdall Gegenstand dieses Tests sind, gehört auf jeden Fall in letztere Kategorie.

Ihr Geld verdienen die beiden namensgebenden Köpfe hinter JaWil (www.jawil-audio.de), Jörn Jansen und Paul Gerhard Willershausen, vornehmlich auf dem Gebiet des Maschinenbaus. Persönliches Interesse und die Möglichkeit, auf den umfangreichen Maschinenpark der eigenen Firma „Chip Tec“ zurückzugreifen, führten dazu, dass die beiden damit begannen, Lautsprecher nach ihren Vorstellungen für den Eigenbedarf zu entwickeln und zu bauen. Was dann kam, hat man in der Szene schon öfters gehört: Zuerst haben sich Freunde und Bekannte für die Eigenkonstruktionen interessiert; schließlich hat man für Freunde von Freunden und letztendlich für einen immer größer werdenden Interessentenkreis Lautsprecher gefertigt – bis der Zeitpunkt kam, an dem man das Ganze dann eben „offiziell“ gemacht hat. Seit einigen Jahren ist JaWil Audio ein eigener Geschäftsbereich der Firma Chip Tec. Wie es die Firmengeschichte nahe legt, verfolgt man bei JaWil eigene Klangideale jenseits des Mainstream. Und auch, was die eingesetzten Mittel, die zugrundeliegenden Technologien und die verwendeten Materialien betrifft, erlaubt man sich eine Eigenständigkeit, die sich nur eine Firma leisten kann, die ihre Produkte individuell oder in kleinen Serien fertigt.

Wenn ich mir die Erzeugnisse von JaWil Audio so angucke, möchte ich behaupten, bei allen Produkten auch immer einen gehörigen Teil Spaß am kompromisslosen Umgang mit Material zu erkennen. Das wird zum Beispiel bei dem bereits auf fairaudio vorgestellten Vollverstärker Asgard mit seiner aus einem vollen Alu-Block gefrästen Bodenwanne deutlich. Und auch bei den JaWil Heimdall wurde ganz bestimmt nicht an Material oder Maschinenstunden gespart. Die Gehäuse bestehen teilweise aus Schiefer, für die Chassiseinfassungen wurden nicht unbeträchtliche Mengen Edelstahl in Form gebracht. Was mir dabei sympathisch ist: Vergoldete Phaseplugs, Typenschilder aus Platin oder Oberflächen aus 50 Schichten japanischen Urushi-Lacks, alles wichtige Details, um auf einer Consumer-Electronic-Messe in Dubai zu bestehen, sucht man bei JaWil vergeblich. Und für die Bedürfnisse östlicher Oligarchen fehlen einfach Swarovskisteine. Will sagen: Bei allem getriebenen Aufwand haben wir es mit Produkten zu tun, die keinesfalls ihre Bodenhaftung verloren haben.

JaWil Heimdall

Das passt zum Kundenstamm von JaWil Audio. Die Klientel rekrutiert sich bisher hauptsächlich aus der näheren Umgebung von Brachbach, dem Firmensitz von JaWil. Die meisten hören sich die Lautsprecher in den firmeneigenen Vorführräumen an und wenn sie überzeugt sind, bestellen sie ihren Lautsprecher in einer individuellen Wunschausführung. In Sachen Farben und Furniere geht da so einiges, denn jeder Lautsprecher wird individuell angefertigt. Erfreulich dabei ist, dass die Preise ebenfalls als bodenständig durchgehen. Die Preisgestaltung ist ja im Bereich des High End bisweilen ein diskussionswürdiges Thema, aber bei den JaWil-Produkten empfinde ich die Kalkulation wirklich als nachvollziehbar, besonders wenn man neben dem nicht unbeträchtlichen Materialaufwand berücksichtigt, dass es sich um in Deutschland entwickelte und einzeln gefertigte Produkte handelt.

Die Heimdall sollen im JaWil’schen Portfolio eigentlich eine Sonderrolle einnehmen. Sie sind quasi als Einstiegs-Lautsprechermodell konzipiert und stellen gleichzeitig den Versuch dar, eine breitere Käufergruppe anzusprechen. Um dies zu erreichen, hat man verschiedene Aspekte berücksichtigt: Zum Beispiel den sogenannten „Wife Acceptance Factor“ – die JaWil Heimdall sollen auch beim weiblichen Geschlecht gut ankommen. Die größeren Lautsprechermodelle von JaWil, die Bragi, Bragi 2 und Mini Bragi, sind, was die Bassabteilung angeht, als Hornlautsprecher gebaut. Den Herren Jansen und Willershausen ist, nicht zuletzt aus eigener Erfahrung, klar, dass Hornsysteme im Format eines gediegenen Kühlschranks nicht in allen Haushalten im Wohnzimmer geduldet werden. Insofern galt es eine kleinere Lösung zu finden, was quasi nebenbei auch die logistischen Herausforderungen beim Transport verringern sollte.

Auch hinsichtlich der Aufstellung sollten die „Volumenmodelle“ einfacher zu handhaben sein als nach hinten abstrahlende Basshörner, die einen ordentlichen Mindestabstand zur rückwärtigen Wand benötigen. Nicht aufgeben wollte man Prinzipien, die man bei den bisherigen Entwicklungen als klangfördernd empfand. Und dazu gehört in erster Linie der recht breitbandige Einsatz der beteiligten Chassis, im Idealfall die Verwendung von Breitbändern. Allerdings wollte man eben auch den Kostenrahmen niedrig halten, um Interessenten den Einstieg in die Klangwelt von JaWil zu erleichtern.

JaWil Heimdall
Schalten und walten: Die JaWil Heimdall ist ein teilaktiver Lautsprecher

Um Letzteres zu erreichen, hat man bei JaWil auf preiswerte Treiber zurückgegriffen. Anstelle teurer, hochspezialisierter Breitbandchassis kommen in der Heimdall modifizierte Großserienchassis zum Einsatz. Den größten Teil des Audio-Frequenzspektrums von 900 bis über 30000 Hz übernimmt dabei ein 2-Zoll-Breitbänder von Visaton, der allerdings selektiert, aufwändig überarbeitet und nicht zuletzt mit einer eleganten Frontplatte inklusive kurzer Schallführung aus Edelstahl veredelt wird. Unterhalb von 900 Hz werkelt ebenfalls ein modifiziertes Visaton-Chassis. Der 8-Zoll-Treiber übernimmt als Grundtöner die Frequenzen zwischen 100 und 900 Hz. Die Vorteile liegen auf der Hand: Der Grundtöner mit seiner größeren Membranfläche hat bei tieferen Frequenzen dynamisch deutlich mehr Reserven. Der Mittel-Hochtöner kann bei höheren Frequenzen aufgrund seiner geringen Membranmasse dafür extrem schnell auf Impulse reagieren und besitzt durch seinen geringen Durchmesser ein gutes Rundstrahlverhalten. Die zwei Chassis bilden zusammen quasi ein hochdynamisches, passives Zwei-Wege-System, das den größten und sensibelsten Bereich des Audio-Frequenzspektrums verantwortet und auch gut mit schwachen Verstärkern oder Röhrenverstärkern betrieben werden kann.

Im Bass setzt JaWil im Fall der Heimdall anstatt auf große, aufwändige und teuer herzustellende Basshörner auf zwei weitere 8-Zoll-Chassis, in diesem Fall ausgewiesene Tieftonspezialisten, die von einer Aktiv-Elektronik angesteuert werden. Sie kümmern sich als Subwoofer um die Frequenzen unterhalb von 100 Hertz. Das hat gleich mehrere Vorteile: Zum einen kommt jeder Tieftöner mit einem geschlossenen Volumen von 11 Litern aus. Damit fallen die JaWil Heimdall recht zierlich aus. Zum anderen kann der Bass mit dem hohen Wirkungsgrad der beiden Breitbänder mithalten – die Verstärker der Aktivelektronik liefern einfach die Leistung, die nötig ist, damit die Tieftöner so laut spielen wie der Rest. Daneben bietet die Aktivelektronik die Möglichkeit, den Basspegel zu regeln, sprich ihn an den Hörraum und die Aufstellungsbedingungen anzupassen. Damit sich die Lautsprecher auch mit wirklich vielen Hörumgebungen vertragen, sind in den Jawil Heimdall zwei Bässe eingebaut. Durch die vertikale Anordnung der beiden Chassis will man das vertikale Abstrahlverhalten begrenzen und Reflexionen von Boden und Decke beschränken. Die beiden Chassis sind übrigens nur auf den ersten Blick identisch. Tatsächlich hat der untere, bodennahe Treiber eine höhere Resonanzfrequenz und gleicht damit seinen geringeren Abstand zum Boden aus.

JaWil Heimdall

Der Anschluss der JaWil Heimdall kann übrigens auf zwei Arten erfolgen: Zum einen kann die Aktivelektronik das Steuersignal über das Lautsprechersignal erhalten – in diesem Fall wird das Lautsprecherkabel an die Hochpegelanschlüsse des Aktivmoduls angeschlossen. Von dort aus wird es dann per Kabelbrücke zu den weiter oben auf der Rückwand befindlichen Eingängen der beiden Breitbänder durchgeschleift. Zum anderen kann man die Subwoofer auch gleich mit dem NF-Signal eines Vorverstärkerausgangs ansteuern. In diesem Fall kann der Endverstärker unmittelbar Kontakt zu den Breitbändern aufnehmen, was klanglich zu bevorzugen sei, wie Herr Jansen meint. Werden wir ausprobieren.

Die letzte zur Kostenreduktion gedachte Maßnahme lässt sich nach Aussage von Herrn Jansen am schwierigsten durchsetzen: Eigentlich sollten die JaWil Heimdall nicht einzeln individuell nach Kundenwunsch gefertigt werden, sondern in einer Standard-Ausführung mit schwarzer Front in Kleinserien entstehen – was die Produktionskosten drastisch senken würde. Allerdings hat sich bisher gezeigt, dass die meisten Käufer Wert auf eine individuelle Ausführung legen und gerne bereit sind, den dafür erforderlichen Aufpreis zu zahlen. So kosten meine Testexemplare mit einer Front aus mit Hochglanzlack überzogenem indischem Apfel 2.700 Euro; der reguläre Preis für ein Pärchen JaWil Heimdall mit schwarzer Front liegt dagegen bei nur 1.900 Euro. Das mit dem „nur“ ist dabei absolut ernst gemeint. Wenn man sich allein die aufwändige Verarbeitung und die gebotene Technik anschaut, fragt man sich, wie die das bei JaWil machen. Doch hier geht es ja um den guten Klang – und ob sich der getriebene Aufwand auch klanglich bezahlt macht, muss der Hörtest klären.

JaWil Heimdall
Wie versteinert: Teile des Gehäuses der JaWil Heimdall bestehen aus Schiefer

 

 

 

Im Test:

Lautsprecher (teilaktiv):
JaWil Heimdall

UVP zum Testzeitpunkt:
1.900 Euro

Hersteller/Vertrieb:
JaWil Audio

Telefon:
+49 2745 93150
eMail:
info@JaWil-Audio.de
Web:
www.jawil-audio.de

Größe des Test-Hörraums:
Grundfläche: 18 m²
Höhe: 3 Meter

Equipment

Quellen:

analog:
Thorens TD 160 HD
(mit TP250 Tonarm &
Benz Micro MC Gold
Tonabnehmer)

digital:
Antelope Zodiac+ DAC,
Creek CD 42 MkII
CD-Player,
North Star Design
Supremo DAC,
North Star Design
CD-Transport

Verstärker:

Phono-Pre:
Lehmann Black Cube SE II

Vollverstärker:
Exposure 2010 S
Musical Fidelity AMS 35i

Lautsprecher:
Gaithain ME150

Kabel:
USB: Wireworld Starlight 7
NF: Vampire CC
LS: Fast Audio Compact 6M in Biwiring-Konfiguration

Stromversorgung:
Audioplan FineFilter S, Mehrfachsteckdose PowerStar S, Gerätefilter PowerPlant S, Netzleitungen PowerCord

HiFi-Rack:
BassoContinuo

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

schiefer statt
urushi-lack

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

sonderrolle
im portfolio

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

breitbandiger einsatz der beteiligten chassis

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

impulsfreudig

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

anschluss
auf zwei arten

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

macht sich der aufwand auch klanglich bezahlt?