Sämtliche Songs, Arrangements und Texte erzeugen eine durchgängige
Atmosphäre von Liebeskummer, Sehnsucht und Einsamkeit. Sinatra schafft
es jedoch in all diesen Balladen eine melancholische Grundstimmung zu
beschwören,
ohne dass die Sache zu finster wird (wer es richtig düster mag, dem
sei "Frank Sinatra sings for only the lonely" empfohlen, ist mir aber zu
dick aufgetragen). Der Mann scheint sich richtig in seinem Kummer wohlzufühlen,
ganz ernst nimmt er sich selbst nicht, Ironie durchzieht viele Lieder:
"Like a straying baby lamb with no mammy and no pappy I'm so unhappy but oh, so glad" / "Glad to be unhappy"
Dieser Track könnte auch das Motto der Platte sein. Und wie köstlich ist erst Sinatras "bitterer" Vorwurf gegenüber seiner ehemaligen Geliebten auf "It never entered my mind": "Now I even have to scratch my back myself"... Federleichte Schwermut auszudrücken bedarf besonderen Talents, auch bei den Arrangements. Hier wurde Sinatra kongenial von Nelson Riddle unterstützt.
Nelson Riddle war seit 1950 exklusiv Arrangeur und Orchesterleiter bei
Capitol und unter anderem für Nat King Cole, Judy Garland und Ella Fitzgerald
verantwortlich. Sein besonderes Kennzeichen, der sogenannte "Riddletouch",
war eine unglaubliche Leichtigkeit, bei der traurigsten Ballade wie bei
der schmissigsten Swingnummer. Er wurde dem zuerst skeptischen Sinatra durch
Manager empfohlen, die eine Veränderung seines Sounds erzielen wollten. "In
The Wee Small Hours" markierte den Beginn einer 30
jährigen Zusammenarbeit
der beiden. Riddles detailreiche wie spärliche Arrangements haben stets
eine fünfköpfige Rhythmusgruppe als Basis (unter anderem mit dem
seltenen Tasteninstrument Celesta), je nach Bedarf ergänzt durch Bläser
und Streicher. Riddle verleiht dem ohnehin erstklassigen Songmaterial,
das größtenteils aus dem Fundus des "Great American Songbook" stammt,
zusätzliche musikalische Tiefe.
Das "Great American Songbook" ist kein real existierendes "Songbook", sondern ein Kanon von Liedern, die zwischen 1930 und 1960 entstanden sind und das Feinste repräsentieren, was die Songwritingkunst in den USA vor der Entstehung des Rock'n'Roll hervorgebracht hat. Ihre Komponisten und Texter sind zum Beispiel Duke Ellington, Cole Porter, Henry Mancini, Johnny Mercer, Harold Arlen, Gus Kahn, James Van Heusen, Richard Rogers und Lorenz Hart. Sie sind fast alle auf "In The Wee Small Hours" vertreten. Das "Great American Songbook" ist ein Muss im Repertoire jedes bedeutenden "Entertainmentkünstlers". Als seine Interpreten seien hier nur Fred Astaire, Bing Crosby, Dean Martin, Ella Fitzgerald, Judy Garland oder Billy Holiday genannt. Sinatras Interpretationskunst muss mit der dieser unglaublichen Sänger und Sängerinnen in einem Atemzug genannt werden. Mindestens.
Sinatra war damals als Sänger auf dem Höhepunkt. Intonation,
Phrasierung und Timing sind sagenhaft. Er hat stets die volle Kontrolle über
Lautstärke und Rhythmik. Im Vergleich zu seiner Zeit bei "Columbia" ist
seine Stimme tiefer und dunkler, irgendwie auch "männlicher" geworden
(auch in Folge der Stimmbandverletzung). Verglichen mit seiner Spätphase
ist die Stimme damals noch unglaublich kräftig (in der Spätphase
klingt sie doch sehr müde, aber das ist ja auch bei circa 1300 aufgenommenen
Liedern kein Wunder). It's the singer, not the song. Was er mit diesen Liedern
macht, ist einfach unglaublich. Ein Lied besonders hervorzuheben, fällt
mir schwer, alle haben im Konzept ihre Berechtigung. Mir persönlich
gefallen der Titeltrack, "I See Your Face Before Me" und "It never entered
my mind" am besten. Neben allen anderen.