
28 erratische Blöcke, die meisten lediglich 2 Minuten lang. In jedem dieser Lieder steckt das musikalische Potential von 99% eines "normalen" Albums. Jeder Track ist von irren Rhythmuswechseln durchzogen, tradierte Strophe-/Refrain-schemata sind völlig aufgelöst. Der Bass spielt einfach nur so vor sich hin, das unglaubliche Schlagzeug wirbelt und hinkt, wirbelt und hinkt ... Ein "Takt" ist nicht auszumachen. Jaulendes Saxophon und quietschende Klarinetten dazwischen. Gelächter, Geheul und Gekreisch im Hintergrund. Über allem Beefhearts unglaublicher Gesang: Ein Röhren, selten wird ein Ton getroffen.

Ganz großer Nichtsänger, oder doch Sänger? Jedem Lied scheint ein Zentrum zu fehlen, stattdessen eine Vielfalt an Themen und Motiven. Jeder Musiker spielt mitunter für sich allein. Beefheart soll angeblich die Titel eingesungen haben, ohne die Musik über Kopfhörer zu hören und doch verbindet sich alles trotz der Inkohärenz zu einem wundervollen, wenn auch verrückten Konglomerat. Völlig losgelöst... Und erst die Texte: völlig absurd und irgendwie nicht von dieser Welt stammend, mitunter sehr kontrovers. Titel wie "Dachau Blues", "Old Fart At Play", "Neon Meate Dreams Of An Octafish" sprechen für sich. Purer Nonsens, aber mitunter auch geheimnisvolle, surreale poetische Transzendenz. Mein absoluter Lieblingstrack (und damit auch Anspieltipp) ist "She's Too Much For My Mirror". In nicht einmal 2 Minuten geschieht hier so viel... Und wie ergreifend ist das... Zu recht fehlt "Trout Mask Replica" auf keiner ernstzunehmenden "Best Of" Liste. "Take my hand and come with me, it's not too late for you, it's not too late for me to find my homeland" singt er im Opener "Frownland". Jeder Mensch mit Interesse an Musik abseits des Mainstreams sollte diese Einladung zur Suche nach einer Heimat annehmen, auch wenn diese nur in einem Paralleluniversum liegen kann.
Mit Beefhearts Werk nach diesem epochalen Album bin ich nicht vertraut, sicher hat aber keine spätere Platte diesen Impact erreicht. Ich will nur noch auf die hervorragende Liveplatte "Bongo Fury" von 1975 mit Frank Zappa hinweisen (und hier im Besonderen auf "Carolina Hardcore Ecstasy"). Anfang der 80er zog sich der Meister komplett aus der Musik und in die Wüste zurück, um erfolgreich zu malen. Im Internet kursieren Gerüchte über eine schlimme Krankheit...
Zu guter letzt habe ich noch zwei Fragen an die werte Leserschaft:

PS: "Trout Mask Replica" macht auch sehr fröhlich.
|
eMail des autoren: matthweiss @ web.de |