
November 2008 / Thomas Beierlein
Es war 1983, da begann die Zeit der riesigen Vollverstärker aus Japan und Amerika, die mit allerlei maskulinen Werten, darunter schiere Größe und aberwitzige Leistung, die neue Klientel der HiFi-Welt zu beeindrucken versuchte. Unerheblich zu erwähnen, dass sie es locker mit einer ganzen Armada an Quellgeräten vorne wie auch einer Phalanx an Lautsprechern hinten aufnehmen konnten.
Genau in diesem Jahr und der Zeit des Umbruchs, in dem Verstärkerleistung so billig wie nie zu haben schien, gab es eine kleine, aber feine Firma aus England, die mit einem noch kleineren und putzigen Vollverstärker die Frechheit besaß, dieser geradezu übermächtigen internationalen Konkurrenz die Stirn zu bieten. Meine Damen und Herren, a new star was born: Der erste Naim NAIT erblickte das Licht der Welt und wurde der staunenden (und hinter vorgehaltener Hand lachenden) Fachwelt vorgestellt.


Zeitsprung: Wir schreiben das Jahr 1993 und ich bekam die Gelegenheit, bei mir zu Hause eine Anlage zur Probe zu hören. Der Hauptdarsteller war ein Naim NAIT2 im olivfarbenen Gehäuse, bei dessen Anblick so ziemlich alle Merkmale wie oben beschrieben zutrafen (nein, es gab jetzt 4 Eingänge und der Phono- Eingang war in Form eines BNC-Anschlusses bereits integriert). Ich fragte mich, ob der Verkäufer noch alle Tassen im Schrank hatte, mir so einen kleinen Verstärker anzuschleppen (neben fast ebenso kleinen Lautsprechern, aber das ist eine andere Geschichte). Als er mich nach schier endlosem Ausrichten der Lautsprecher nach Musik fragte, zementierte sich ein Grinsen in mein Gesicht, als ich ihm eine CD mit der wohl damals übelsten Scheuermucke reichte und in Gedanken der kleinen Kombi schon Good bye zuwinkte. In dem Moment, als sich meine Gedanken noch darauf konzentrierten, ob ich noch schnell angesichts der zu erwartenden Rauchwölkchen, sowohl über dem Verstärker als auch den Boxen, ein Fenster öffnen sollte, begann die Musik zu spielen.
Sehr wahrscheinlich hat sich meine damals erlebte Reaktion schon 1983 bei der versammelten HiFi-Welt zugetragen: Das Grinsen wich genauso langsam aus meinem Gesicht, wie es in dem des Verkäufers plötzlich auftauchte. Dieser Verstärker machte Musik. Nicht nur einfach so, sondern emotionaler, tiefer und breiter, auf eine Art, wie ich sie bis dato nicht kannte. Schnell waren die prestigeträchtigen Werbeblätter der Konkurrenz, die ich wochen-, nein, monatelang gewälzt hatte, vergessen. Ich erlebte gerade etwas Besonderes und erlangte zum ersten Mal auf eine Art Zugang zu Musik, wie es kein Gerät vorher zu erreichen vermochte. Der NAIT2 hat daraufhin, wie bei vielen HiFi-Liebhabern auf der Welt schon vor ihm der NAIT1, viele Jahre mein musikalisches Leben begleitet und mir mit seiner zierlichen Größe immer wieder bewusst gemacht, dass Leistungsangaben Schall und Rauch sein können, egal wie imposant sie in Verbindung mit ihrer Verpackung erscheinen mögen.
Zweiter Zeitsprung: Es ist 2007 und Naim hat gerade die 4. Generation des NAIT aufgefrischt und den Zusatz „i“ auf dem Typenschild aufgebracht (da die 4 im asiatischen Raum eine Unglückszahl ist, nennt er sich aktuell NAIT5i), da macht eine Pressemeldung über die Vorstellung eines neuen Vollverstärkers aus selbem Hause die Runde. In ihr ist die Rede vom SuperNait. Trotz des sehr selbstbewussten Namens wagt es heute niemand mehr, über neue Vollverstärker von Naim zu lachen.
Vollverstärker:
Dussun V8
Audiochina GmbH
UVP: 1.200 EUR
Equipment:
Quelle:
Audiomeca Obsession II
Creek Destiny
Verstärker:
Accuphase E-212
Classic 6.6
Creek A 50i
Lua 4040C
Lautsprecher:
Thiel CS 2.4
ZU Druid mk4
Sehring 703 SE
Spendor S3/5
Sonics Argenta
Kabel:
NF: Straight Wire Virtuoso, Zaolla Reinsilber NF
LS: Ortofon SPK 500, Straight Wire Rhapsody, HMS Al Cinema