Stereokonzept
fairaudio HiFi Stereo - HiFi Test - HiFi Magazin
Primus

Gleich mal in die Vollen: "My Name is Mud" von Primus. Und gleich ein Volltreffer. Plötzlich kriegt jedes Geräusch eine Präzision, die ich bis dato nicht kannte. Der funkige Bassriff knattert, dass es eine Freude ist. Die Doublebase hämmert parallel zum Bass - hier hört man auf einmal beide ganz präzise für sich, obwohl sie in gleicher Tonlage den gleichen Rhythmus hämmern. Und wie das Tom nachklingt! Ich wusste gar nicht, dass Toms mehr können als "Pock" machen. Beim Abacus dagegen ist jeder Schlag ein Schuss, der die darunter stehende Basedrum zum Mitklingen bringt. Klasse.

Blonde RedheadIch nehme mir "Dr. Strangluv" von Blonde Redhead vor. Ein Stück, bei welchem mich beim (immerhin 1.000 Euro teuren) Marantz das Fehlen der Höhen immer extrem nervte. Jetzt sind sie da. Die bezaubernde dünne Stimme von Sängerin Kazu hat plötzlich ganz unbekannte hauchige Anteile. Und: Sie steht mitten im Raum vor mir. Ich kann viel besser verstehen was sie singt als vorher. Es ist, als sei ihre Stimme klarer konturiert. Ich erinnere mich: "Wie an der Stange geführt" sollen die Lautsprecher sein. Wenn das zu diesen klaren Konturen führt: wunderbar.

Der gewollte sanfte Klangteppich des Hintergrunds bleibt erhalten. Ich kann, wenn ich will, in den Klangteppich hineinlauschen und jeden Faden verfolgen - ich kann mich aber auch völlig entspannt der Stimmung überlassen, die diese schöne Musik transportiert.

Wenn Stimmen so klar herausgearbeitet werden, nerven dann nicht irgendwann die Höhen?

NINNehmen wir das Stück "Into the void" auf der wundervollen CD "The Fragile" von Nine Inch Nails. Außerordentlich subtil und wirkungsvoll setzt Trent Reznor die gesamte Palette musikalischer Möglichkeiten ein. Kleine Klanggebilde die einem am Ohr zerplatzen wie Sektbläschen werden kontrastiert mit schwärzesten, heftig basslastigen Passagen (eine Wucht mit dem ABACUS, und eine Wucht mit den B&W 804 - jedenfalls in einem 20qm-Raum keine Spur von Bass-Schwäche). Klangwandartig ganz vorne stehende Sounds werden kontrastiert mit anderen, die so weit hinten stehen, dass sie schon aus dem Nebenzimmer zu kommen scheinen. Welches Geräusch auch immer zu hören ist: Trent Reznor hat es gefeilt und gestaltet, bis es genau so war, wie es jetzt ist.

In "Into the void" gibt es Passagen, die sind mit dem ABACUS fast schmerzhaft, weil der Sänger so schreit – völlig ohne Feinzeichnung und Zurückhaltung, völlig ohne die sonst so sorgfältige Gestaltung des Tons –, geradeheraus, mitten hinein ins Hirn. Nun wollte ich wissen: Ist der ABACUS daran schuld? Ist er zu scharf? So ließ ich das Stück auf dem DENON PMA-SA1 spielen. Und auf dem fetzt es genauso. Denn: Das muss so.
H-E-A-R
SUN AUDIO

 

Abacus Rieder von innen

Reznor sprengt auf der Suche nach Ausdrucksmöglichkeiten die üblichen Kategorien und nutzt das gesamte Klang-Spektrum von feinsten ziselierten Nuancen bis zum erbarmungslosen Krach. Und der Verstärker tut gut daran, das auch genau so zu reproduzieren.

TalkTalkAuch auf "Spirit of Eden" von TalkTalk gibt es Stellen, die fast schrill sind, aber hier liegt die Sache wohl nicht ganz so einfach. Mit dieser Platte hat Mark Hollis die ehemalige (gute) Pop-Band TalkTalk komplett umgekrempelt. Vorbei die Zeiten charttauglicher Eingängigkeit, vorbei die Zeit eines radiotauglich gleichmäßigen Lautstärkepegels. Subtil und zart, dem Klang und der Ausdruckskraft der einzelnen Instrumente nachlauschend, beginnen die Stücke, und steigern sich allmählich zu einem ungeheuren Energielevel - da schreit einem die Mundharmonika ins Gesicht, und das Crashpad wird einem links und rechts um die Ohren gehauen, bevor wieder Frieden einkehrt. Ein extremes Werk. Hollis selber konnte diesen Wurf nicht mehr steigern. Die Folge-Platten "Laughing Stock" und "Mark Hollis" variieren die Stilmittel und sind gut darin, können sie aber nicht mehr toppen.

Auch hier wollte ich wissen: Ist der ABACUS jetzt am Ende, weil das an manchen Stellen dermaßen Schrill klingt? Oder wollte Hollis das so? Der Vergleich mit dem DENON zeigt: Da ist es genau so. Doch ich habe meine Zweifel, dass das Ganze wirklich hundertprozentig gewollt war.

Einerseits: Hollis will den Hörer quälen und foltern, er will ihn durch die Hölle führen. Denn auf der anderen Seite der Hölle, da wo die Musik wieder ruhig wird, ist das Paradies. Eine Katharsis, ein Rausch, ein wundervolles Erlebnis. Wer sich mit voller Aufmerksamkeit auf diese Musik einlässt, wird von ihr in Bann gezogen. Tchaikovsky konnte das auch. Man probiere den ersten Satz seiner vierten Sinfonie in der Einspielung von Mravinsky - auch dies eine Höllenfahrt bis zur Erlösung.

Andererseits: Zum Teil wird die Schrillheit auch in der Aufnahme begründet liegen. Die analoge Aufnahme wurde in den späten Neunzigern remastered, und das wohl nicht sehr gut. Sie ist einfach etwas übertrieben ausgesteuert. Man wird niemals erfahren, ob die Höllenqualen ohne die Härten des Klangs (Mravinskys alte Tchaikovsky-Einspielung ist genau so hart) auch so fühlbar würden ... aber muss man das eigentlich wissen?

Der ABACUS war in meinem Vergleich mit dem ungleich teureren Denon nur in einer Disziplin zu schlagen - beim Hören von sehr zarter Musik ...