please welcome ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

macht seltsame dinge mit einem

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

ausgefuchster dramatiker

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

anheimelnd jazzig

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

alles echt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

hier meint jemand, was er singt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

behutsam

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

stil-hopping?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

manchmal zu viel

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

keine angst!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

spannungsfeld hängematte-dancefloor

 

 

Diese Ausgabe unserer Musik-Kolumne enthält acht neue Platten von folgenden Künstlern: Mara & David | Stephanie Nilles + Zach Brock & The Magic Number | Kit Downes | Peter Madsen's CIA Trio | David Lynch | Inga Rumpf | Goldfrapp | Hattler


David Lynch | The Big Dream

David Lynch | The Big Dream Cover

Dermaßen ermutigt, kann man sich auch jemandem zuwenden, der nicht gerade für rosarote Wattebauschwelten bekannt ist. Ladies and Gentlemen, please welcome Mr David Lynch, the Master of Enigma, den Meister des hintergründigen Grauens!

Der warf seine düsteren Schatten ja schon bei Kit Downes voraus, während ihm die Bühne jetzt höchstpersönlich gehört. Anscheinend nämlich hat der Kult-Regisseur mit seinem musikalischen Solodebüt Crazy Clown Time Blut geleckt, denn nur fünfzehn Monate später legt er mit The Big Dream noch einen drauf. Als Autor von elf der zwölf Stücke sowie des Bonustracks fokussiert sich Lynch nach seinem den Hörer mit einer düsteren Klangwand regelrecht erschlagenden Debüt diesmal auf eher klassisches Songwriting – ein Konzept, dem sich auch der einzige Coversong des Albums, Bob Dylans Folk-Klassiker „The Ballad of Hollis Brown“, perfekt unterordnet.

Der titelgebende Opener „The Big Dream“ bewegt sich, ähnlich Lynchs Vorgängeralbum, auf Niedrigstenergieniveau irgendwo zwischen Portishead und Bohrens Club of Gore, schleppend, Industrial-lastig und atmosphärisch eng dem filmischen Schaffen Lynchs verhaftet, wo auch so allerlei angedeuteter Grusel für weitaus mehr Gänsehaut sorgt, als ein plakativer Horror-Schocker es je könnte. David Lynch selbst versteht sein musikalisches Treiben als modernen Blues, und dieser Storytelling-Ansatz kommt dann auch mit Stücken wie „Star Dream Girl“ oder „Last Call“ voll zum Tragen. „Cold Wind Blowin'“ nimmt schon den folgenden Dylan-Track vorweg, gestünde man dem Folk-Heroen eine programmierte Synthie-Umgebung zu. Insofern würde ich Lynchs Musik anstatt modernen Blues eher als urbanen Folk bezeichnen – aber vermutlich läuft das ohnehin aufs Selbe hinaus.

David Lynch | The Big Dream 5.1

Ausnehmend gut gefällt mir der Dylan-Song, wobei auch er einem seltsam monotonen Fluss verhaftet ist, der sich durch das gesamte Album zieht und keinerlei Ausreißer, was Tempo und Tonalität betrifft, duldet. Man kann diese Gleichförmigkeit als wenig abwechslungsreich, ja: eintönig erleben, man kann sich aber auch einfach dem einschläfernd-hypnotischen Flow ergeben und sich davon in eine Art Trancezustand wiegen lassen. Mich zumindest hat The Big Dream spätestens mit „The Wishing Well“ regelrecht paralysiert. Wer am Abend noch etwas vorhat, sollte dieses Album nicht ein-, oder aber seine Pläne auf Eis legen.

The Big Dream ist ein Album, das seltsame Dinge mit dem Hörer anstellt. Beim psychopathischen „Say It“ etwa hatte ich das Gefühl, dass meine Körpertemperatur rapide abfällt – gern hätte ich mir einen Pulli geholt, allein, ich konnte nicht! Gruseliger Höhepunkt aber ist das in noch quälenderer Zeitlupe dargebotene „We Rolled Together“. Dringend notwendig ist es da, dass das Album mit „Sun Can't Be Seen No More“, wo tatsächlich so etwas wie ein kleiner schaukelnder, rollender Groove aufkommt, wieder ein bisschen anzieht! Als ausgefuchster Dramatiker weiß Lynch schon, wie weit er bei seinem Publikum gehen kann. „I Want You“ besticht durch einen fast triphoppigen Beat, „The Line It Curves“ durch wabernde Effekte und einen Hauch von Wärme in einer ansonsten eisigen Synth-Pop-Welt, „Are You Sure“ mit dem Kontrast zwischen offenem Ende und schunkelndem Sechsachteltakt, dem zum Trotze sich keine Oktoberfeststimmung einstellen will. Aber es friert einen auch nicht mehr so sehr wie noch einige Songs zuvor.

David Lynch | The Big Dream 5.2

Mein heimlicher Grund für dieses Album aber ist der bei der Vinylversion der Platte als separater 7-Inch daherkommende Bonustrack „I'm Waiting Here“, eine Kollaboration mit der schwedischen Fragil-Pop-Prinzessin Lykke Li, die hier weitaus weniger ätherisch klingt, als ihr gemeinhin unterstellt wird. Wie schon auf seinem Vorgängeralbum hat Lynch aber auch bei dieser Nummer kräftig auf den Virgin-Suicide-Soundtrack, namentlich das Stück „Playground Love“, von Air geschielt. Das war vor dreizehn Jahren eine kleine Revolution im Plattenschrank. The Big Dream ist sicherlich keine – aber es spricht auch absolut nichts dagegen, das Album zu besitzen und ab und an auch zu hören. Der eine oder andere Drink mag dabei von Trost sein. Ich selbst muss jetzt erst einmal in die heiße Badewanne.

 

Inga Rumpf | White Horses

Inga Rumpf | White Horses Cover

Während der Körper noch mit dem Lynch'schen Œuvre fremdelt, betreten die White Horses von Inga Rumpf schon einmal anheimelnd jazzige Gefilde, die in Form einer audiophilen Triple-A-Doppel-Langspielplatte ihren Weg in mein Wohnzimmer gefunden haben. Ah, dieser Moment, wenn die Nadel zum ersten Mal das noch jungfräuliche Vinyl berührt! Der ist kostbar – um nicht zu sagen kostspielig: Stolze zweiundvierzig Euro verlangt mein bevorzugter Online-Plattendealer dafür, andere greifen dem Kunden noch weitaus tiefer in die Taschen.

Doch jeder einzelne Cent davon ist gut angelegt, denn auf White Horses wird der Hörer Ohrenzeuge einer intimen Aufnahmesession, die an einem Oktoberabend 2012 in einem umgebauten Pferdestall irgendwo in Norddeutschland stattfand. Das Licht ist gedimmt, Rumpf nimmt mitsamt ihrer Gitarre auf dem bereitstehenden Barhocker Platz, Joe Dinkelbach setzt sich zwischen Steinway und Orgel und Thomas Biller richtet seinen Kontrabass auf. Die nostalgische Zweispurmaschine läuft, und vierzig geladene Gäste werden zur Ruhe ermahnt, da im Nachhinein nichts bearbeitet werden soll. Wer diesen Vinylschatz auf die Ohren bekommt, kann sich nachträglich dem handverlesenen Publikum dieses besonderen Abends zugesellen. Und vor Staunen kaum halten, denn wer die Hamburger Seemannstochter vor allem aus ihren prog-rockigen Frumpy- oder krautrockigen Atlantis-Zeiten kennt, wird hier erst einmal überrascht sein.

Inga Rumpf | White Horses 6.1

White Horses spannt den Zirkel von lupenreinem Vocal-Jazz über Mississippi-Blues bis hin zu seelenvollem Gospelsound und klassischen Rhythm&Blues-Klängen. Mal honky-tonkt das Ganze und sprüht nur so vor überbordender Lebensfreude wie beim „Springtime Shuffle“, wo Joja Wendt am Piano das Orgelspiel Dinkelbachs verstärkt, mal gibt Rumpf die deutsche Janis Joplin, mal scheinen ein paar Bluegrass-Wurzeln durch. Und dann wieder verblüfft das Trio mit seiner Version des Rolling-Stone-Schmachtfetzens „Angie“. Wieder so ein Song, den nicht jeder covern sollte, der in der intimen, ebenso zärtlich- wie eindringlichen Interpretation Rumpfs jedoch hundertprozentig überzeugt. Man kann die Jagger'sche Verzweiflung förmlich greifen, als er flüsternd seine Angie fragt, wohin dies alles noch führen soll.

Ohnehin nimmt man Inga Rumpf jede ihrer Blue-Notes ab und jedes ihrer Worte für bare Münze. Hier meint jemand, was er singt, da können schnelllebige Moden und aufgesetzte Attitüden bitteschön draußen vor der Tür bleiben. Hier drinnen ist alles echt, jedes Atmen, das man hört, ebenso wie der Blues, den die Sängerin und ihre kongenialen Begleiter innehaben und der hier weit mehr als musikalisches Genre, nämlich authentisches Lebensgefühl ist. Orgelgetränkte Stücke wie „Lazy“ mit ihren Blue-Grass-Gitarren und Rumpfs tiefschwarzer Stimme entführen in den tiefsten US-Süden, wo die Uhren langsamer ticken und die Welt vordergründig noch in Ordnung ist.

Inga Rumpf | White Horses 6.2

White Horses ist aber auch eine Feier des Lebens, das, trotz allem, einfach großartig ist. Es geht um das Altern, um eine Art Reflektion, und ein ganz entschiedenes Es-ist-gut-wie-es-ist. Nach vierzig Jahren auf der Bühne als Rocklady, mit Gospel-Revuen oder Bigbands, sind Jazz und Blues just zum richtigen Zeitpunkt in das Leben und Schaffen von Inga Rumpf getreten, die ihren Songs – ganz ähnlich wie bei der jüngsten Glücksfindung von Stefan Gwildis – genau jene zeitlose, reife Tiefe verleiht, die dem intensiven Ausdruck Rumpfs endlich ebenbürtig ist.

Nach so einer Platte braucht man erst einmal eine ganze Weile lang keine anderen. Die White Horses, die ihren Titel dem Anblick der Wellenkämme des Pazifischen Ozeans verdanken – sind doch die Schaumkronen ebenso unwiederholbar wie ein Live-Mitschnitt! –, laufen zum Sonntagsfrühstück ebenso wie zur blauen Stunde, sind easy wie der Sunday morning bei den Commodores und deep wie der Muddy Water'sche Ocean. Hätte ich vor Jahren, als ich Finks Biscuits for Breakfast für das Nonplusultra dessen hielt, was Delta Blues europäischer Provenienz zu bieten hat, gewusst, wie viel Spielraum es hier noch nach oben gibt, ich hätte die Frühstückskekse mit beiläufig-mokantem Lächeln entsorgt.

Goldfrapp | Tales Of Us

Goldfrapp | Tales Of Us Cover

Nach einem Album wie dem von Inga Rumpf hat es jedes weitere von der Rezensionsliste erst einmal schwer. Goldfrapp gelingt es, mit den behutsamen Sphärensounds und elfenhaften Vocals ihres Albumopeners „Jo“ ganz sanft eine Tür zu öffnen, die den Hörer gleichsam für andere Klangwelten aufschließt.

Goldfrapp? Ist das nicht dieses britische Electro-Duo, das sich bei jedem Album neu erfindet? Ist es. Von den triphoppigen Anfängen über das akustisch-folkloristische Seventh Tree bis hin zum Disco-Pop von Head First hatten mich Alison Goldfrapp und Will Gregory oft genug derart verwirrt, dass ich sie wüst des willkürlichen Stil-Hoppings bezichtigte.

Goldfrapp | Tales Of Us 7.1

Mit ihrem nunmehr sechsten Album Tales of Us haben Goldfrapp eine Art Dreampop-Platte im Geiste der Cockteau Twins gemacht, sphärisch, ätherisch und dermaßen nicht von dieser Welt, dass man sich unwillkürlich fragt, ob es sich bei diesen Klängen überhaupt um Musik handelt. Stücke wie „Annabel“ sind Soundtracks für die großen Umbruchssituationen des Lebens, für ebenso endgültige wie ungewollte Abschiede, in denen man zunächst so überhaupt keinen Sinn sehen kann – ganz zu schweigen von jenem Zauber, der angeblich jedem Neuanfang innewohnen soll.

Die ganz große cinematographische Orchestration, wie sie etwa auf „Draw“ entfaltet wird, kommt nicht von ungefähr, denn zum Album gehört eine von der Filmemacherin Lisa Gunning gedrehte, in ihren eigenen Bildern schwelgende Erzählung, die in ausgewählten Kinos zu sehen sein wird. Ohne den dazugehörigen Film hat Tales of Us etwas Unwirkliches an sich und kann den Hörer auch schon mal überfordern. Manchmal ist das alles schlicht zu viel; und wo der Hörer gerade noch selig in traumverwunschenen Welten wandelte, holt ihn die Überproduktion ganz schnell wieder in die Realität – einfach, weil viele der Stücke zum opulenten Ende hin massiv zu nerven beginnen. Dieser Nerv-Moment taucht im weiteren Verlauf des Albums leider immer wieder auf. Ganz schlimm: Die gniedelnden Gitarren auf „Alvar“. Und erst mit „Thea“ kommt so etwas wie ein Groove auf, der in seiner distanzierten, tiefgefrorenen Art aber wohl nur jene, die in den Achtzigern Synth-Wave-Helden wie der British Electric Foundation oder Claudia Brücken huldigten, entzücken wird.

Goldfrapp | Tales Of Us 7.2

Auf „Simone“ dann bricht sich das bislang eher unbewusst mitschwingende Unbehagen seinen Bann und lässt sich endlich in Worte fassen, denn hier wird klar, dass den Tales, ganz wie bei David Lynch, unter ihrer märchenhaften Oberfläche das pure Grauen innewohnt. Auch auf „Laurel“ kann man sich des Gefühls nicht erwehren, dass da, wenn schon nicht Toten-, so zumindest Schicksalsglocken läuten. Uralte Sagen schwingen da mit, stille Moore, tiefe Seen, die schon so manches Geheimnis geschluckt haben, was die Tales of Us zu modernen Moritaten macht. Spooky.

 

Hattler | The Kite

Hattler | The Kite Cover

Sollen sich Goldfrapp doch getrost mit David Lynch zum Schauermärchencontest treffen – mir reicht's jetzt erst einmal! Um die unheimliche Atmosphäre noch schneller abzuschütteln, greife ich auf die bewährte Hilfe von Helmut Hattler zurück. Der ist vieles – unter anderem „der wahrscheinlich beste Bassist Deutschlands“ –, aber mit Sicherheit muss man sich nicht vor ihm fürchten.

Hattler | The Kite 8.1

Auf seinem neuen Album The Kite zaubert der Tieftontausendsassa elektro-akustische Soundscapes, mal vokal, mal instrumental, von denen so manch junger DJ nur träumen kann. Gleich mit dem ersten Takt knallt er dem Hörer den Bass um die Ohren – und dann setzt Fola Dadas wunderbare Scheißegal-Stimme ein, die treuen Victoriah’s Music-Lesern auf Bartmes’ Modular Soul schon den letzten Sommer versüßte, uns in der letzten Ausgabe im Verbund mit der SWR Big Band auf Fräuleinwunder wieder begegnete und nun hier gewohnt beiläufig ihre Mini-Dramen zeichnet. Wie etwa die minuziöse Beschreibung des Gefühls, sehenden Auges wie in Zeitlupe in eine unangenehme Situation hineinzuschlittern und absolut gar nichts dagegen tun zu können. Außerdem ist Harmonie, folgt man Dada – und wer kann sich dem Sog dieser Stimme schon entziehen? –, ein ganz und gar zwiespältiges Ding.

Hattler selbst tritt auf The Kite mit seinem Bassspiel erneut den erfolgreichen Beweis an, dass sich der Niederfrequenzer durchaus zum Melodieinstrument eignet und dessen Verweis in die Rhythmusgruppe einer Degradierung sondergleichen entspricht. Die Beats kommen bei Hattler ohnehin von der Festplatte, wobei der zärtlich-verhaltene Trompetenton von Joo Kraus die organische Komponente liefert. Durch das so entstehende Spannungsfeld Mensch-Computer, von mir aus auch: Hängematte-Dancefloor, scheint The Kite Hattlers künstlerisches Lebensthema, das auf die Spitze getriebene Spiel mit den Gegensätzen, weiter auszuloten.

Hattler | The Kite 8.2

Und dann gibt es noch Stücke wie „Ballhaus Rubeau“, auf denen der Bassist etwas nahezu Beebop-Artiges produziert, während man Kraus’ pointiertes Trompetenspiel allen Till-Brönner-Apologeten dieser Welt dringend ans Ohr und vor allem Herz legen möchte. Tolle Platte!

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