eher anti-tribut?
gelinde gesagt: seltsam
johanssons
unerwartet
rauhes timbre
Die Schöne und das Biest:
Scarlett Johansson versucht sich
an Tom Waits

"Oh nein, nicht schon wieder eine hübsche Jungschauspielerin, die eine Platte gemacht hat", mag man in Anbetracht des neuesten Projekts von Scarlett Johansson denken. Die vielfach ausgezeichnete Hollywooddiva, die dem breiteren Publikum vor allem durch Filme wie "Das Mädchen mit dem Perlenohrring" oder "Lost in Translation" bekannt sein dürfte, reiht sich mit "Anywhere I Lay My Head" in die schillernde Garde von "Eigentlich-bin-ich-ja-Sängerin"-Leinwandschönheiten wie Milla Jovovich ("The Divine Comedy", 2000) oder Jennifer Love Hewitt ("Let's Go Bang" 1995, "Same" 1996, "Barenaked" 2003, "Cool With You" 2007) ein. Und noch mehr: Ausgerechnet ein Tributalbum an den zwischen Genie und Wahnsinn pendelnden, mit seinem Underdog-Image kokettierenden Nöler Tom Waits musste es sein, an das sich die Aktrice heranwagt.
Das haben schon andere vor ihr versucht. Und das ging mal mehr (z.B. Laura
Fedele mit "Pornoshow - Laura Fedele interpreta Tom Waits", John Hammond
mit "Wicked Grin" oder Holly Cole mit "Temptation"), mal weniger (z.B. New
Coat of Paint mit "Songs of Tom Waits" oder der Sampler "Step Right Up:
The Songs of Tom Waits") gut. Besonders Letztgenannter sticht in der Reihe
der Fürchterlichkeiten weit heraus: Wer bis jetzt glaubte, Rod Steward
hätte die Waits-Lieder "Downtown Train" oder "Hang On, St. Christopher" komplett
verwurstet, dem wird oller Rod im Vergleich zu diesem Horrorkabinett
wie der begnadetste Interpret des Königreichs erscheinen. Interpretationen
nämlich erweisen Tom Waits in der Regel einen Bärendienst und
verkehren sich in ein komplettes Anti-Tribut.
Allein aus diesem Grunde ist Frau Johanssons Mut bemerkenswert. Doch dass es sich bei ihren Neuinterpretationen wirklich um die von der Plattefirma bejubelte "Sensation des Frühlings" handelt, muss an dieser Stelle vehement bestritten werden. Alles andere hätte auch an ein Wunder gegrenzt. Ein Wunder, auf das die Platte bewusst gesetzt hatte: Produzent David Sitek, bekannt für seine Neigung zu den großen Gegensätzen, will hier auf Teufel komm raus die unschuldige Schönheit mit der düsteren Welt des lonesome Streuners und Weltschmerz-Trinkers Waits verkuppeln. Hätte es funktioniert, wäre das ungeheuer faszinierend gewesen.
Leider aber wird "Anywhere I Lay My Head" hierdurch viel zu sehr zum Konzeptalbum. Doch das Konzept geht nicht auf: Jedes Stück schreit überlaut "Anspruch!"; man hört die Mühe, etwas ganz Ausgefallenes kreieren zu wollen - das muss von vornherein zum Scheitern verurteilt sein.
Schon der Einstieg
mit dem Instrumentalstück Fawn mutet, gelinde gesagt,
recht seltsam an. Rummelplatzdrehleieratmosphäre steigert sich hier
zu einem pompösen Klangbrei, und der Hörer fühlt sich, als
sei er zufällig in einen Orchestergraben gefallen - wohlgemerkt während
des Stimmens der Instrumente vor der eigentlichen Aufführung. Er erwartet,
dass das ein Gag ist und das Eigentliche noch kommt, aber da kommt nichts.
Das zerrt an Nerven und Geduld und stimmt nicht gerade wohlgesonnen für
das, was da irgendwann vielleicht doch noch kommen mag.
Stattdessen schleppt sich das Album über lange Strecken in leierndem Dreivierteltakt von Song zu Song, bis der Hörer völlig ermüdet ist. Die Kollegen der ZEIT meinten gar, in diesem Zusammenhang unter dem "Soundtrack der endgültigen Erschöpfung" zu leiden. Auch das permanente Geknister und Geraschel und Geräuschegemache ist unglaublich enervierend: Da wird geleiert, geklingelt, geglockt und was nicht noch alles. Kein Song hebt sich vom anderen ab, alles sickert wie dickflüssige Sauce dahin.
Dennoch soll sich David Bowie beim Pre-Listening von einigen Tracks derart in das Albumkonzept verliebt haben, dass er es sich nicht nehmen ließ, die Background-Vocals zu "Fallin' Down" und "Flannin' Street" beizusteuern. Auf www.davidbowie.com schwärmt er über die "mystische und doppelt-coole" Stimme der Amerikanerin. Und tatsächlich ist Johanssons unerwartet raues Timbre das beste am ganzen Album. Leider jedoch kann es sein Potenzial nicht voll entfalten. Was wäre es schön gewesen, hätte es klar über minimalistischen Klangwolken geschwebt! Produzent Sitek aber erdrückt den viel zu leisen Gesang mit seinen verschwenderischen Soundeffekten in einer aufgeplusterten Klangwand.
Fazit: Milla Jovovitch und Jennifer Love Hewitt haben bewiesen, dass hübsche Jungschauspielerinnen durchaus respektable Alben hinlegen können. Für Scarlett Johansson gilt dies nicht.
Abschließen noch einige Worte zum Album-Cover: Das Mädchen und der Tod kann funktionieren. Kylie Minogue war in Nick Caves "Where The Wild Roses Grow" eine hinreißende Wasserleiche. Johansson wirkt wie eine Schauspielerin, die die Schöne im Todesschlaf nur spielt. So wird das nichts mit dem authentischen Tom-Waits-Düster-Gefühl. Das macht aber auch nichts, weil man sich das Geld für diese CD getrost sparen kann und stattdessen lieber in die Waits'schen Originale investieren sollte - Einsteiger vielleicht in "Blue Valentine".