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Musikrezension: Emily Millard | By Heron & By Season

Fragil entspannt

Emily Millard | By Heron & By Season Teaser

März 2017 / Victoriah Szirmai

Das Label „Art Folk“ klingt prätentiös. Dabei könnte der kanadischen Songpoetin Emily Millard nichts ferner liegen als vorgegaukelte Bedeutungsschwere, was jeder, der sich im März 2016 in ihre in Kollaboration mit dem Berliner Gitarristen und Produzenten Martyn Heyne entstandene Single „Paradise“ verliebt hat – und wer hat das nicht? –, bestätigen können wird. Ein Song, berührend fragil und so entspannt, wie man sich die vokalgewordene Musik von Josete Ordoñez vorstellen könnte. Es ist schwierig, nach solch einem Lied ein Album nachzulegen, das die hochgesteckten Erwartungen erfüllt.

Emily Millard | By Heron & By Season Cover

Emily Millard hat alles richtiggemacht, zumal „Paradise“ auf By Heron & By Season gar nicht erst enthalten ist, womit sich die seit ihrem 2008er-Debütalbum unter dem Künstlernamen Miss Emily Brown Auftretende gleichsam weigert, sich auf diesen einen Song reduzieren zu lassen. Das hat sie auch nicht nötig, denn gleich der Opener „Flashlight“ nimmt für das neue Album ein, zerbrechlich, wie er sich anpirscht, mit warmem, von der Musikerin selbst eingespieltem Pianogrund, der dem Stück die nötige Tiefe gibt. Und zu dem sich dann im Refrain, falls man bei Millards verwunschenen Songstrukturen von so etwas wie Strophe und Refrain überhaupt sprechen kann, eine aus Kontrabassist Colin Nealis, Schlagzeuger Daniel Gaucher und Keyboarder Sandro Perri zusammengesetzte Indie-Jazz-Rock-Band dazugesellt – die auf „Chainbreaker“ vollends aufblüht, tauscht Nealis den Kontrabass hier zu später Stunde doch gegen einen elektrischen und Perri seine Keys gegen ein Clavinet, während Jeremy Strachan an der Bassklarientte und Michael Davidson am Vibraphone für stilechte Jazzclub-Atmosphäre Pate stehen.

Emily Millard | By Heron & By Season 1.3

Millards satten, das Album dominierenden Pianoklang, der diesmal von Jesse Zubots irgendwo zwischen TripHop und Weird Folk mäandernder Violine umspielt wird, gibt’s wieder auf „Toxic Town“. Sperrig-klirrende Streicher, die ihre physikalischen Klanggrenzen ausloten, traumverlorene Klaviersoundscapes und allerlei atmosphärisches Geräusch bereiten dem eindringlichen, aber dennoch wohltuend zurückgenommenen Gesang auf „Promise Of Spring“, dem bislang wohl berührendsten Stück des Albums, einen quälend langsamen Grund, gefolgt von den reich orchestrierten, in ihrer Erhabenheit an Pachebels „Kanon“ erinnernden „Eisblumen“. Damit endet Seite A so zeitlupengleich, wie sie begonnen hat.

Seite B dagegen überrascht mit Off-Beat-Handclaps, Close Harmony-Gesang und so etwas wie Up Tempo auf „As A Cloud“, das gar etwas verbreitet, womit bei Millard niemand so recht gerechnet hätte: gute Laune. Hypnotische Voodoo-Trommeln plus ein enervierend repetitives Gitarrenmotiv gibt’s auf „Snake Charmer“, Jeremy Strachens Bassklarientten- und Ernie Tollars Bassflötentiefen auf „Hunter“, die einen mal hier, mal dort aus den Boxen wabernden Geigenton zu jagen scheinen, aufgefangen von Michael Davidsons sanftem Vibraphonregen. Ihre Akustikgitarre packt Millard auf „Where Is God“ aus, die gemeinsam mit dem aus Jesse Zubots Violine, Henry Lees Viola und Peggy Lees Cello zusammengesetztes Streichertrio ein ungewöhnliches Quartett bildet.

Emily Millard | By Heron & By Season 1.2

Der Closer „Hourglass“ klingt wie ein oftgehörter Hit aus den Achtzigern, ist aber, wie alle Stücke auf By Heron & By Season, eine Neukomposition Millards. Mit bewährter Besetzung – Millard selbst am Piano, Nealis am E-Bass, Gaucher am Schlagwerk, Davidson am Vibraphone und Perri diesmal an der E-Gitarre – ist es das wohl konventionellste Stück der Platte, das so gar nicht in den bisherigen Liedreigen passen will. Weh dem, der dies als Anspieltipp nimmt und davon auf das Album schließt!

Wie gut, dass es noch den Hidden Track „Origami Valentine“ gibt, der wieder alles vereint, wofür Emily Millard steht: zarte Poesie, zerbrechliche Vocals und folkiges Vintage-Instrumentarium. Nicht zuletzt beweist er, dass Emily Millard, wenn sie ihre Stimme in Höhen schraubt, die einem bei anderen Sängerinnen schlechterdings den Atem nehmen, immer noch so unangestrengt, unaufgeregt, eben völlig unprätentiös klingt, dabei aber umso nachhaltiger bewegt, dass nachvollziehbar wird, weshalb das Magazin exclaim! über ihre Stimme schrieb, sie sei eine „mercurial weapon“.

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Dussun V8

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Classic 6.6
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verwunschene songstrukturen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

allerlei atmosphärisches geräusch

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

repetitives gitarrenmotiv

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

unprätentiös