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Musikrezension: Egopusher | E und
Rogier Telderman Trio | Contours

Musik von echten Kerlen

Egopusher | E & Rogier Telderman Trio | Contours ts

Januar 2016 / Victoriah Szirmai

Nach Erna, Lisa und Louise, einem gerüttelt Maß an Sirenen und einer weihnachtlichen Barbara empfahl mir die – meine Vorliebe für große weibliche Stimmen üblicherweise teilende – Redaktion, „am besten bald mal wieder Musik von echten Kerlen“ auszuwählen. Das tue ich doch gern!

Egopusher | E  Cover

Da hätte ich erst einmal die am 8. Januar erschienene, für mich jetzt schon für 2016 konkurrenzlose EP von egopusher (auf Amazon anhören), dem Duo des Zürcher Geigers Tobias Preisig, an dessen hypnotische Grenzgänge an den Endpolen des Hörbaren sich treue fairaudio-Leser sicherlich erinnern, und seines schlagzeugspielenden Landsmannes Alessandro Giannelli. Als „Post Industrial Chamber Music“ bezeichnen die beiden ihre zwischen brachialen Noise- und spukigen Ambientklängen oszillierenden Sounds, während der-kulturblog.de jubelt: „Wenn Musik ein Game ist, dann ist Egopusher der Endgegner“. Damit trifft er den Nagel auf den Kopf, findet doch das gesamte Endzeitstimmungsspektrum von Schmerz und Wut über Verzweiflung und Zerstörung bis hin zu Schönheit und Erhabenheit bei Egopusher klanggewordene Entsprechung.

Egopusher 1.1

En Detail: Mit „Purple Air“ beginnt die Sechs-Track-EP gleich klirrendem Eis, Dark-Wave-Reminiszenzen kommen auf, wenn Preisigs Pizzicatoklänge das enervierende Mandolinenmotiv in The Cures „Lullaby“ akustisch wiederauferstehen lassen, an dessen sich langsam steigernder Bedrohlichkeit auch die Anhänger David Lynchs diabolische Freude hätten. „Sunbeam Scream“ wartet mit einem Störgeräuschinferno irgendwo zwischen Küchentisch und Maschinenraum auf, über dem eine folkige Klagemelodie schwebt. Definitiv eines der schönsten Stücke der EP! Auf „Dirt“ dann offenbart sich das eigentlich Erstaunliche an diesem ohnehin erstaunlichen Duo: Dass es ihm inmitten aller Hau-Drauf-Attitüde, dem Lauten, Wilden, Ungezähmten, ja: Gewalttätigen immer wieder gelingt, etwas derart Zartes und Zerbrechliches aufblitzen zu lassen, dass es einen den Atem anhalten lässt ob seiner puren Schönheit, der etwas nachgerade Geheiligtes innewohnt. Spätestens hier wird klar, dass sich das Duo dabei der Unterstützung von allerlei elektronischer Gerätschaft – vom synthetischen Bass bis zum Drumpad, auf dem Samples abgespielt werden können – nicht zum Zwecke bloßer Effekthascherei bedient, sondern um die Abgründe seiner Musik noch tiefer, die Höhen umso erhabener hervortreten zu lassen. Ja, es bedarf der kompletten Zerstörung, aus der erst das Sakral-Entrückte emporwachsen kann.

Egopusher | E 1.4

Wer unbedingt den sich bei Preisig allein optisch allzu gern aufdrängenden Paganinivergleich anstellen will, kann das bei „Napalm Beach“ tun. Ein Stück, das das Haustier nervös macht – und auch dem Menschen wird ganz anders.

Durchatmen lässt sich erst wieder bei „Ego Eins“ mit seinen uralten Harmonien und einer bordunartigen Begleitung, deren enervierender Etüdencharakter in ewiggleicher Wiederholung sukzessiv an den Nerven zerrt, bis der Einsatz des Schlagzeugs daran erinnert, dass wir es hier keinesfalls mit mittelalterlicher Spielmannsromantik zu tun haben. Doch dann hebt eine entrückte Melodie in bislang ungehörte Höhen ab und entfaltet eine Strahlkraft, der sich der derweil mürbe gespielte Mensch nicht mehr entziehen kann. Es ist ein Spiel mit Qual und Erlösung, Hinhalten und Offenbaren, das Egopusher hier mit dem Hörer treiben.

Egopusher | E 1.2

Mit dem in aller Eigenwilligkeit ach-so-zarten „William“ schließt die EP. Wüsste man nicht, dass hier eine Geige erklingt, könnte man geneigt sein, die beängstigend menschlichen Laute für Gesang, für Windhauch, gar Vogelschrei zu halten, während ein darunter brodelndes Ostinato für eine surreale Atmosphäre sorgt, die gleichsam Zeitlosigkeit kreiert: Eine ewige Schlaufe, in der sich der Hörer verfängt, bis er jedes Gespür für Anfang und Ende verliert und mit Ende dieser unglaublichen EP nicht anders als unsanft erwachen kann, es sei denn, er spielt sie gleich noch einmal von vorn. Groß.

Rogier Telderman Trio | Contours Cover

Wem der Sinn nach weniger Aufwühlendem steht, der halte sich an Rogier Telderman. Aufgrund seines Ende 2014 veröffentlichten Albums Contours (auf Amazon anhören) und der anschließenden 2015er-Tournee wurde der holländische Pianist zu den vielversprechendsten Jazzkünstlern der Niederlande 2016 gewählt – und das nicht zu Unrecht, denn sein ebenso klares wie lyrisches, dabei aber immer energetisch-groovendes Spiel verdichtet sich auf den neun Eigenkompositionen im Zusammenspiel mit Guus Bakker am Kontrabass und Tuur Moens an Drums und Percussion zu einem schlichtweg erhebenden Ganzen.

Begleitet nur von seiner Rhythmusgruppe, klingt Teldermans Album nicht nach klassischem Pianotrio, sondern erweckt gleich im Opener „Goodbye, Monsieur Belkin“ vielmehr den Eindruck einer Indierockband – ein Zugang, der auch den nicht-jazzaffinen Hörer ansprechen dürfte. Mit seinem gestrichenen Kontrabass, den perkussiven Schepperklängen und dem schlagzeuggleich eingesetzten Piano spielt „On A Tuesday“ mit einer nahezu industriellen Soundkulisse, bis es sich zur elegischen Mitternachtsjazznummer mit Besenschlagzeug entfaltet. Diese stückimmanente Entwicklung ist charakteristisch für die Kompositionen Teldermans, der sich als eine Art musikalischen Geschichtenerzähler begreift, das klingende Material wiederum als lebenden Organismus ansieht, der jedoch nicht in seiner Ganzheit begriffen werden solle: „Man nimmt nur die Konturen wahr“, erklärt er mit Bezug auf den Albumtitel.

Rogier Telderman Trio | Contours 2.2

Etwas mehr Groove kommt mit „Minor Conspiracy“ auf, wobei das Trio die Leichtigkeit vom Plattenanfang, die niemals mit Beiläufigkeit verwechselt werden darf, beibehält. Ein Stück, das den Wunsch nach dem Liveerlebnis aufkommen lässt! Maximal verspielt und in unseren Ohren dank Pentatonik und Vermindertem dezent exotisch klingend, erinnert das rhythmusbetonte „Sketch“ an das „Divertissement“ – eine Abfolge verschiedener Tänze – aus Tschaikowskys Nussknacker, erst nahezu klassisch strukturiert, dann im überbordenden Jazzidiom voll erblühend.

Der investigative Anspruch in Teldermans Musik offenbart sich spätestens mit „Strange Place“, macht doch sein Entdeckerwille auch vor Balladen nicht halt: Mal hierhin, mal dorthin verschlägt es die Melodie, die ihre Kapriolen nur treibt, um sich gleich darauf wieder zu fangen und in die Gegenrichtung aufzumachen, wo sie kurz nachspürt, innehält, um gleich wieder mit voller Kraft den nächsten Hügel zu erklimmen und dort umso heller zu scheinen. Die großzügig eingeräumte Stücklänge von acht Minuten erlaubt es dem Trio, seinen unterwegs gesammelten Ideen – ob rhythmischer, melodischer oder harmonischer Natur – nachzugehen und sie zu entfalten, anstatt in bloßer Andeutung zu verharren. Manchmal reichen Konturen eben nicht aus.

Rogier Telderman Trio | Contours 2.1

Experimenteller, ohne jedoch an Groove zu verlieren, lässt sich „Slippers“ an, dem auf dieser sehr strukturierten Platte noch am ehesten Improvisationscharakter innewohnt. Collagenartig werden hier verschiedene Stile nebeneinander gestellt, wobei Funkanleihen dominieren. Zwischenzeitlich glaubt man gar, einen guten alten Ragtime zu hören, dann wieder einen Popsong mit Bassmotiv im Klavier oder einen dem Heavy Metal verfallenen Drummer. Richtiggehend zart dagegen gibt sich der „Song for AC“, wobei so manches Störgeräuschegeschnassel clever jegliche Liebesliedsüße zu verhindern weiß, während der vom Klavier gedoppelte Bass rotzig seinen Senf dazu gibt, bis er mit lieblichem Tastenschlag alles wieder gutmacht. Nicht zuletzt kommt man an dieser Stelle nicht umhin zu bemerken, wie gleichberechtigt die drei Musiker – Melodieinstrument hin, Rhythmusgruppe her – agieren, ein Nebeneinander, das in der Theorie so oft beschworen, in der Praxis aber äußerst selten (und noch seltener derart konsequent) erreicht wird.

Mit „Skippy Mash“ tut die Platte auch absoluten Jazzheads, die mit von Schlippenbach & Co. klaviersozialisiert wurden, Genüge, wenn sie sich wonnevoll in jeden Pophörer verschreckenden Tonfolgen ergeht, ohne aber Freejazz zu sein. Hier wiederum kommt die Meisterschaft der Andeutung, der Kontur zur Geltung, denn sind nicht ohnehin jene Platten die besten, auf denen die Musiker zwar alles können, aber nicht alles zeigen? Zum Abschluss findet Contours mit einem überraschend fragilen Waltz, der in seiner Traumverlorenheit an Spieluhrmelodien erinnert, wieder zu seiner klaren Form zurück. Wenn The Magic & the Mystery of the Piano Trio die ideale Platte für den Übergang in die kalte Jahreszeit war, ist Contours der perfekte Start in das noch unbeschriebene neue Jahr, wo noch alles möglich scheint.

Auf Amazon anhören:

Egopusher | E / Rogier Telderman Trio | Contours

 

 

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Im Test:

Vollverstärker:
Dussun V8

Audiochina GmbH
www.dussunpower.org

UVP: 1.200 EUR


 

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Audiomeca Obsession II
Creek Destiny

Verstärker:

Accuphase E-212
Classic 6.6
Creek A 50i
Lua 4040C

Lautsprecher:

Thiel CS 2.4
ZU Druid mk4
Sehring 703 SE
Spendor S3/5
Sonics Argenta

Kabel:

NF: Straight Wire Virtuoso, Zaolla Reinsilber NF

LS: Ortofon SPK 500, Straight Wire Rhapsody, HMS Al Cinema

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

post industrial chamber music

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

störgeräuschinferno

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

ein spiel mit qual
und erlösung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

ein schlichtweg erhebendes ganzes

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

dezent exotisch klingend

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

die meisterschaft
der andeutung