fairaudio HiFi Stereo - HiFi Test - HiFi Magazin

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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hören, verlieben, kaufen!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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back to the twenties

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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sonntagvormittags-
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texte vom tisch

 

 

 

 

 

 

 

 

 

perfektes pop-album?

Diese Ausgabe unserer Musik-Kolumne enthält acht neue Platten von folgenden Künstlern: DePhazz | MisSiss | BudZillus | Alex Clare |Parov Stelar |Kira| Anna Luca | Jeanette Hubert


Parov Stelar | The Princess

parov stelar the princess

Auch sehr aktuell, aber trotzdem retro-beeinflusst ist das Doppelalbum The Princess, neuestes Baby des österreichischen DJs und Produzenten Parov Stelar, der aufmerksamen fairaudio-Lesern schon letzten Herbst auf Electro Swing Revolution 2 als „einfach Gott“ begegnet ist. Nun hat wohl jeder eine andere Kirche; doch auch diejenigen, die Stelar nicht quasi-religiös verehren, kommen nicht umhin zuzugeben, dass dieser Mann großartige elektronische Musik mit Anspruch macht, ob nun als Electro-Swing-Pionier – denn Stelar verknüpfte Swing und elektronische Beats schon lange vor dem Hype, und das auf höchst elegante Art und Weise! – oder in Sachen Jazz, House, Break- und Downbeat. Und nicht nur das, denn Stelar hat sich von Mann hinter den Reglern inzwischen auch zu einem erstklassigen Bandleader entwickelt.

Auch The Princess verspricht, folgt man den Kollegen der FAZ, „Extravaganz als Genuss“. Schon der Opener von CD 1, „Milla's Dream“ ist eine opulente, cineastisch inspirierte Komposition. Hier trifft Sinfonisches auf Clubbiges, und ohrenscheinlich hat man sich viel zu sagen. Ansonsten ist „The Princess 1“ eine eher entspannte, wohnzimmertaugliche und klavierdominierte Platte mit recht melancholischer Grundstimmung, deren grandios programmierte Pianoklänge sich mal sphärisch, mal knusprig frisch durch alle Songs ziehen. Auch die Sängerinnen, die Stelar auf dem Album versammelt hat, sind ganz wundervoll, ob Lilja Bloom oder Cleo Panther, die hier die Phoenix-aus-der-Asche-Hymne „Nobody’s Fool“ anstimmt.

parov stelar the princess

Und dann gibt es noch die basslastigeren Songs, wie etwa die Single-Auskopplung „Jimmy's Gang“, die die zweite CD eröffnet. Hier ist vom Sphärischen nicht mehr viel übrig – vielmehr hat Stelar mit „The Princess 2“ eine Clubplatte gemacht, genauer: eine clubtaugliche Electro-Swing-Platte, deren Beats ungefragt am Hirn vorbei direkt in den Körper dringen und ihn dazu animieren, Bewegungen zu vollführen, die er sonst so nicht gewohnt ist. Wohl nicht ohne Grund hieß Stelars auf Electro Swing Revolution 2 vertretener Track „Booty Swing“, denn genau darum geht es auch auf dem zweiten Teil von „The Princess“: den Allerwertesten zum Schwingen zu bringen.

parov stelar the princess

 

Kira | Memories of Days Gone By

kira memories of days gone by

Wem nach den bisher vorgestellten Platten der Sinn nach Reduziertem und Akustischem steht, um seinen vom Electro-Overkill gestressten Geist zu beruhigen, der braucht ein Jazz-Set in klassischer Quartettbesetzung (Vocals, Piano, Schlagzeug, Bass), zu dem sich noch zwei Bläser, genauer gesagt: Mads Hyhne an der Posaune und Jakob Dinesen am Tenorsaxophon hinzugesellen. Das liest sich jetzt erst einmal nicht ungewöhnlich. Das wird es erst, wenn man sich vergegenwärtigt, dass die Kopenhagenerin Kira Skov eigentlich Rocksängerin und -gitarristin ist, die mit Kira And The Kindred Spirits seit 2001 in den musikalischen Gefilden von Künstlern wie Janis Joplin, Tom Waits oder Nick Cave wildert. Nun soll es also ein klassisches Jazz-Album sein, noch dazu ein Tribut an Billie Holiday.

Der Opener „I’ll Be Seeing You“ geht schon einmal komplett an mir vorbei, und auch Track zwei, „Good Morning Heartache“, der von Diana Ross in der Lebensverfilmung Billie Holidays „Lady Sings The Blues“ kongenial interpretiert wurde, dudelt hier eher unmotiviert vor sich hin. Hat man sich erst einmal an die doch recht dominanten Bläser gewöhnt, kann man der Platte bislang bescheinigen, völlig okay zu klingen – aber eben nicht herausragend. Das ändert sich beim dritten Track „Am I Mad?“, einer Eigenkomposition Kiras, grundlegend. Dieses Stück hätte auch von der Piaf gesungen werden können; und endlich entfaltet Kira etwas Unverkennbares, Eigenes und Rohes, auch der Bläsersatz von Hyhne passt hier perfekt. Kurz: großartiges Lied, großartige Interpretation – hören, verlieben, kaufen!

kira memories

Solchermaßen positiv gestimmt macht dann auch Kiras Interpretation des Nina-Simone-Klassikers „Four Women“ große Freude, ist die Sängerin dem Vermächtnis des Songs doch vollends gerecht geworden, woran andere Interpretinnen schon gescheitert sind. Kira indessen bringt ihn bravourös über die Bühne.

Als Track fünf folgt „Gloomy Sunday“ (im Original: „Szomorú Vasárnap“, bei uns bekannt als „das Lied vom traurigen Sonntag“) – und damit wieder so ein Lied, bei dem man viel falsch machen kann, denn die Angst vor seinen diversen übermächtigen Interpretationen begleitet jeden, der sich an diesem Lied versucht. Auch eine von Billie Holiday ist darunter, an der sich nun Kira versucht. Ich persönlich freue mich über jede weitere Fassung; gerade erst neulich wurde ich auf die Breakcore-Version von Venetian Snares aufmerksam gemacht, die mit Samples der Billie Holiday-Version arbeitet. Im Falle Kiras haben wir es nun wieder mit einer sehr klassischen Interpretation zu tun, daran gibt es wenig auszusetzen. In „God Bless The Child“ hingegen muss man sich erst hineinfinden; doch ab der zweiten Hälfte gefällt die Version. Allerdings ist der Sprung von gefällt zu gefällig winzig – die Nummer muss aufpassen, mit ihrem ewigen Saxofonsolo nicht zum Starbucks-Jazz zu mutieren.

Aufhorchen lässt „Flower oft the Evening“ mit seinem düsteren Piano-Intro – und der Blick ins Booklet bestätigt, dass es sich wieder um eine Eigenkomposition Kiras handelt. Erstaunlich, wie anders – und ich möchte sagen: um wieviel besser! – der Sextett-Klang bei den Eigenkompositionen ist, sehr düster, sehr nordisch, perfekt arrangiert für Kiras brüchige Stimme. Dasselbe gilt für „My Man“, das zwar den Titel eines bekannten Realbook-Standards trägt, aber auch von Kira geschrieben wurde, was man mittlerweile schon beim allerersten Takt hört. Angesichts der Eigenkompositionen Kiras wird schnell klar, weshalb ihr Trip-Hop-Ikone Tricky während einer Show auf der Stelle verfallen ist. Kann ich bitte ein ganzes Album davon haben?

Der Fairness halber sei gesagt, dass mir „The Man I Love“ und „All of Me“ allerdings ausnehmend gut gefallen. Ich möchte aber nicht ausschließen, dass dies biographische Gründe hat – es waren die beiden ersten Jazz-Songs, die ich je gesungen habe. Der Schlusstrack „All of Me“ klingt dann so, wie im Film rauschende Zwanziger-Jahre-Partys dargestellt werden: Hier könnte der große Gatsby jeden Augenblick um die Ecke kommen! Allerdings ist dieser Song extrem heikel: Ich habe noch nie eine Interpretation gehört, die dem Holiday'schen Original auch nur im Entferntesten gerecht werden könnte. Fazit: Sie müssen dieses Album unbedingt kaufen. Aber nicht wegen der Interpretationen, sondern trotz der Interpretationen. Kira möchte ich in Zukunft wieder mit eigenem Material hören.

Anna Luca | Listen And Wait

anna luca listen and wait

Es gibt diese Sommersonntage, an denen es zwar recht warm ist, aber die Sonne versteckt sich, und es ist drückend und diesig. Auch die Stimmung ist irgendwie gedrückt und diesig. Mensch fühlt sich gelähmt, als hätte er die letzten drei Nächte durchgefeiert und vergessen, dass er keine fünfundzwanzig mehr ist. Musik ist jetzt das Letzte, wonach ihm der Sinn steht. Aber die Stille scheint ihm mindestens ebenso unerträglich. Ein Spaziergang könnte helfen – allein, dazu motivieren kann er sich nicht. Dies sind die Sonntage, die unfreiwillig im Bett verbracht werden. Stündlich wird die Stimmung schlechter, denn eigentlich müsste ja der Haushalt ... und der Papierkram ... und überhaupt! Stündlich wird es unwahrscheinlicher, dass all das Vorgenommene noch schaffbar ist. Mensch wird wütend auf sich selbst, doch aus dieser Wut entsteht kein Energieschub. Vielmehr lässt er sich resigniert in die Kissen sinken und wünscht sich einen roten Knopf unter dem Bett herbei, der mit "total reset" beschriftet ist. Ein neues Leben, das wär's!

anna luca

Und dann gibt es Musik wie die von Anna Luca, die es versteht, Mensch in genau dieser Stimmung abzuholen und ihm ... ja: beizustehen. Sie schleicht sich mit behutsamem Glockenspiel an, den Protest, dass man gerade gar nicht in der Stimmung zum Musikhören ist, freundlich ignorierend. Anna versteht mich, denkt sich Mensch. Ob es um Fern- oder Heimweh, Liebe und Leid oder Alltagswunder geht – und die Zigaretten und der Wein von letzter Nacht sind auch dabei. Wem Lucas Stimme bekannt vorkommt, der täuscht sich nicht, denn vor dem Release ihres ersten unter eigenem Namen herausgebrachten Albums Listen And Wait sang die Deutsch-Schwedin beim NuJazz-Projekt Club des Belugas, das dem fleißigen fairaudio-Leser unter anderem vom Bossa Nova Just Smells Funky-Remix vertraut ist.

anna luca listen and wait

Nach dem eher verhaltenen Anfang darf der Titeltrack „Listen and Wait“ dann auch durchaus vollorchestriert daherkommen, denn mittlerweile möchte Mensch Musik hören, und zwar Anna Lucas Musik! Grandios auch der Tom Waits-inspirierte Walzer „Old Fellow Fear“; und wäre er nicht so schön, könnte man depressiv darüber werden. Hier zeigt sich, dass in Anna Lucas Band recht eigentlich gestandene Jazzer am Werk sind, die ihre Hörer nicht nur sanft umsäuseln können, sondern ernstlich etwas von Musik verstehen, und auch Lucas sonst so fragiler Gesang erinnert hier – inklusive der dazu gehörigen guten Portion Wahnsinn – mehr an Regina Spector als an ein sanftes Säuseln, da darf man sich von dem Piano-Intro à la Brenda Russell gar nicht erst täuschen lassen. In jedem Falle hat es Anna Luca geschafft, dass man auf die angenehmste aller Arten wach, inspiriert und bereit für neue Taten ist. Musik, die wie Aspirin für die Seele wirkt. Danke an den Leser, der mir nahegelegt hat, dieses Album kennenzulernen.

 

Jeanette Hubert | On The Run

jeanette hubert on the run

Sanftes Glockenspiel gibt es auch auf Jeanette Huberts Albumopener „Always Perfect“ – und auch ansonsten ist der Berliner Singer/Songwriterin mit ihrem luftigen Debüt ein gänzlich entspanntes Stück Pop gelungen, das vor allem durch seine wunderschönen und dennoch bodenständigen Melodien besticht.

Nein, dieses Album ist nicht ätherisch (und will es auch gar nicht sein), sondern eher wie ein frisch gebackener Apfelkuchen, der an einem Sonntagnachmittag unversehens auf dem Tisch steht und nach Kindheit duftet; denn wenn Anna Luca es geschafft hat, einem die Sonntagvormittagsmelancholie auszutreiben, motiviert einen Jeanette Hubert dazu, Liegengebliebenes mit einem Lächeln anzupacken: Ist das Leben im Grunde nicht schön?

Wie die Feist-und Ani DiFranco-beeinflusste Hubert das macht, vermag ich nicht zu sagen, doch stimmt ihr Album froh, ohne auch nur im Entferntesten Gute-Laune-Musik oder ähnlich Grässliches zu sein. Vielleicht ist es eher die zwischenmenschliche Komponente: Wer Jeanette Hubert hört, glaubt, eine gute Freundin neben sich sitzen zu haben, die eben mal ihre Gitarre auspackt, während man selbst in der Küche rumrührt oder auf dem Balkon den Hund bürstet. Hubert leistet einem Gesellschaft, unaufdringlich, aber präsent, kurz: Sie ist da, wenn man sie braucht.

jeanette hubert on the run

Mit Track fünf („Mind My Garden“) streift ihre Band, allen voran Drummerin Catrien Stremme, dann auch schon einmal leicht experimentelle Gefilde. Dieser Song ist anders als die bisherigen, was wohl nicht zuletzt daran liegt, dass der Text hier nicht von Hubert selbst, sondern von Stremme stammt. Wie dem auch sei: Die versponnene Welt des geheimnisvollen Gartens gefällt mir!

Im Blitz-Interview haben mir Hubert und Stremme einmal verraten, wie sie zusammenarbeiten. „Catrien schreibt halt Texte“, meinte Jeanette Hubert da. „Und manchmal … wenn da gerade so ein Text von ihr auf dem Tisch liegt … und ich kreativ bin … dann verwende ich den.“ Und es ist immer wieder faszinierend, dabei zuzuhören, wie sich die eine den Text der anderen zu eigen macht. So ist auch der Lieblingssong des Albums mit „My Favourite Story“ wieder ein Stremme-Song – und mit seinem komplexeren Chorarrangement schwerer verdaulich als die von Hubert betexteten Stücke, schwerer, aber schön.

Nichtsdestoweniger kommt das darauffolgende „Bullet“ mit seinem leichten Country-Einschlag dann auch gerade recht zum Durchatmen. Noch tiefer in den amerikanischen Süden geht es mit „See Me“, das durch einen fast schon klassischen Rhythm&Blues-Beat besticht, und auch mit „Rusty Hug“ ist die Rundreise noch nicht beendet. „True“ wiederum holt einen ganz sanft in die Gegenwart zurück, während beim Albumcloser „Waiting For The Rest“ Edie Brieckell und Cock Robin nicht weit zu sein scheinen.

jeanette hubert on the run

Dass On the Run ein perfektes Pop-Album ist, erwähnte ich eingangs schon; möchte aber noch hinzufügen: Aus der Songways-Reihe meines kleinen Lieblingslabels Ozella erwarte ich auch nichts anderes – schließlich befindet sich Hubert hier mit Künstlern wie Stephan Scheuss in bester Gesellschaft.

 

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