fairaudio HiFi Stereo - HiFi Test - HiFi Magazin

 

 

 

 

 

 

genauso lustig, wie der bandname verspricht

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

... dann nehmen sie es und schmeißen es in den inneren mülleimer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

jetzt wird es wieder besinnlich

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

minimalistisch, zeitlos, kontemplativ

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

alles, was das herz des wilson-hörers entzückt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

wechsel zwischen live- und studioatmosphäre

Diese Ausgabe unserer Musik-Kolumne enthält sieben neue Platten von folgenden Künstlern: Max Raabe | Meike Koester | Regina Spektor | Joan As Police Woman | Cosmonautix | Slagr | Cassandra Wilson


Cosmonautix / Energija

Cosmonautix / Energija

Wem nach all dem Intim-Gediegenen, Anspruchsvollen und Erwachsenen nun der Sinn nach Kontrastprogramm steht, wird mit den Jungs von den Cosmonautix mit Sicherheit glücklich. Schließlich sind die genauso lustig, wie schon der Bandname verspricht. Seit mehr als fünf Jahren rocken die vier Berliner Morgan Nickolay, Ruben Wilschenko, Pawel Eivic und Kai Laschnikov die Bühnen der Hauptstadt und darüber hinaus mit ihrem russischen Balalaika Speedfolk, vom legendären Kaffee Burger bis zur EM-Fanmeile, von Wien bis Bratislava. Mit dieser Mischung aus Punk, Ska, Polka und Klezmer haben sie sich ein treues Live-Publikum erspielt, und wurden nun, endlich, auf ein längst überfälliges Album gepresst.

Energija heißt das auf Piranha erschienene gute Stück, und der Name ist Programm. Denn so harmlos, wie sich das aus traditionellen Liedern Russlands und anderen osteuropäischen Ländern zusammengewürfelte Tracklisting liest, ist das Album nicht. Hier gibt es weder (N)ostalgie noch Weltmusikseligkeit, auch wenn traditionelle Instrumente wie Balalaika und Fiedel dominieren. Das Repertoire ist bunt: Der Opener Balalaika ist mittlerweile zu so etwas wie dem Erkennungssong der Cosmonautix geworden, Ej Uchnjem (Die Wolgaschlepper) - Hartgesottene kennen die Nummer vom Schwarzmeer Kosaken Chor - habe ich selbst noch in der Schule gelernt, wobei es dort allerdings zahmer klang … Rabenju Tam ist ein von Itzik Manger (Text) und Herts Rubin (Musik) Anfang des 20. Jahrhunderts geschriebener Klassiker des jiddischen Liedguts, und die Melodie von Dorogoj Dlinnoju (Alte russische Romanze) dürfte jedem spätestens durch die Heerscharen an russischen U-Bahn-Musikern (oder durch eine Helmut Lotti hörende Großmutter) bekannt sein.

Cosmonautix

Auch wenn ich bei Live-Kritiken immer wieder am Geigenspiel Wilschenkos herumgemäkelt habe, muss ich diesen Eindruck nach dem Hören der Dorogoj Dlinnoju-Aufnahme zurücknehmen: Hier ist es ganz hervorragend, mit exakt der richtigen Portion Kitsch, was mich als bekennenden Fidelfan freut.

So, und sich jetzt beim Lesen von Namen wie Schwarzmeerkosaken und Helmut Lotti ein beschauliches, Musikantenstadt-geschwängertes Bild vor Ihrem inneren Auge aufgebaut hat - dann nehmen sie es und schmeißen es in den inneren Mülleimer. Drehen Sie die Songs durch den Punkwolf, machen Sie sie laut und schnell. Und vergessen Sie die lustigen Kostüme nicht.

Denn wie um das letzte Album der Gorillas rankt sich auch um die Cosmonautix eine selbstgestrickte Legende. Man sei 1988 an Bord des russischen Raumgleiters Buran gewesen und nicht vom (offiziell unbemannten) Testflug zurückgekehrt, sondern trete seither in Form von musikmachenden Kosmonauten auf. Wer Sinn für solch schönen Unsinn hat und musikalisch mit dem Digital Monkey von Balkan Beat Box etwas anzufangen weiß, für den sind die vier Musketiere, äh, Kosmonauten wie gemacht. Nastrovje - runter damit!

 

Slagr / straum, stille

Genug Kontrastprogramm gehabt? Dann wird es jetzt wieder besinnlich.

Als ich kürzlich erstmals etwas über Slagr las, dachte ich: Musst Du hören. Und habe mir doch etwas völlig anderes vorgestellt. So etwas wie den handgemachten Singersongwriterjazzpop von Lumi beispielsweise. Dann die Überraschung: Vocals sucht man auf straum, stille vergeblich. Das mit acht Tracks - wobei ein einzelner Song dann auch durchaus mal eine Spielzeit von über acht Minuten haben kann - für heutige Verhältnisse ungewöhnlich kurze Album ist eine reine Instrumentalplatte. Ja, wenn man es recht bedenkt, ist straum, stille (zu Deutsch: Strom, Stille) des Osloer Trios Slagr eine kammermusikalische Veröffentlichung. Und der Titel Programm: Da leben wie bei Karl Seglem die archaischen Naturgewalten der klanggewordenen norwegischen Sagenwelt auf, um gleich darauf mit Gestaltungselementen zeitgenössischer Klassik konterkariert zu werden. Schließlich sind das die beiden Welten, zwischen denen auch Produzenten Nils Økland still und scheu tastend oszilliert. Entsprungen der Geigen-Tradition der Hardangermusik, gilt er mittlerweile als der große Erneuerer des Genres.

Slagr_1

Straum, stille gerät so zu einer betörenden Reise, mal dunkel-bedrohlich, mal … nein, fröhlich wäre das falsche Wort. Eher meditativ. Øklands Folk hat wenig zu tun mit behäbiger Bäuerlichkeit, sondern scheint seine Daseinsberechtigung eher aus zen-buddhistischen Prinzipien zu schöpfen. Schon auf seinem Soloalbum Bris (2004) fand er zu einer Art „Ur-Musik“ zurück, und in Slagr hat er kongeniale Weggefährten gefunden. Immerhin hat das Trio nicht nur mit Neuarrangements der Werke zeitgenössischer norwegischer Komponisten von sich Reden gemacht, sondern vor allem durch seine traumgleich verdichtete Verschmelzung seiner unterschiedlichen Einflüsse zu einer friedvoll und still erscheinenden Musik, unter deren Oberfläche sich aber ungezählte Kontraste, Ströme und Energien verbergen. Minimalistisch, zeitlos, kontemplativ und, wenn man so möchte: unwirklich, ist die Atmosphäre, die von den sich nur langsam und wie in Trance entfaltenden Stücken transportiert wird.

Lang gehaltene Vibraphonfelder und Obertonschwingungen des Slagr-Perkussionisten Amund Sjølie Sveen bilden den Grund für die modern interpretierte Hardanger-Fiedel Anne Hyttas und das Cello Sigrun Engs, den das Trio vorsichtig, Schritt um Schritt und wie in Zeitlupe erkundschaftet, um seine poetischen Soundscapes zu errichten. Für die Aufnahmen hätte man keinen passenderen Klangraum wählen können als die Sofienbergkirche in Oslo.

Cassandra Wilson / Silver Pony

Cassandra Wilson / Silver Pony

Nicht gleich in einer Kirche, aber - teilweise - live während ihrer letzten Europatournee aufgenommen wurde Cassandra Wilsons Silver Pony, und endlich, endlich ist der Sängerin, die in letzter Zeit nicht viel mehr machte als einige Real Book-Klassiker recht zahm zu interpretieren, wieder ein Album gelungen, das den Namen Cassandra Wilson-Album verdient. Zwar würde ich im Gegensatz zu einigen anderen Kritikern nicht so weit gehen, es als Wilsons „mit Abstand bestes Album“ zu bezeichnen, aber es knüpft an ihre besten Alben Blue Night Til Dawn (1993) und New Moon Daughter (1995) und Thunderbird (2006) an.

Da gibt es alles, was das Herz des Wilson-Hörers entzückt: In experimentelle Gewänder gekleidete Traditionals wie beispielsweise Went Down To St. James Infirmary, das hier durch eine nörgelnde Cold Turkey-Gitarre besticht. cassandra_ponyOder den Südstaatenflair verbreitenden Slide Gitarren-Track Sattle Up My Pony, Arbeitstitel Pony Blues, den ich für den besten Song des ganzen Albums halte. Stevie Wonders If It’s Magic wandert ebenso durch den Wilsonisierungs-Filter wie Blackbird, mit dem die Sängerin Lennon & McCartney ihre Referenz erweist - und das gleichberechtigt neben Stücken wie dem Muddy Waters-Blues Forty Days and Forty Nights (ein Genre, in dem die Wilson zu Hochform aufläuft) und selbstgeschriebenen Songs wie beispielsweise dem titelgebenden Silver Pony.

Der verarbeitet eine Begebenheit aus Wilsons in Jackson, Mississippi verbrachter Kindheit, die sich der Sängerin fest ins Gedächtnis brannte. Eines Tages tauchte in der Gemeinde der kleinen Cassandra ein Mann mit einem Pony und einer Kamera auf. Gegen Bezahlung konnte man sich auf dem Pony fotografieren lassen. Obwohl all ihre Brüder keine Fotos machen lassen wollten, bettelte Cassandra darum, fotografiert werden zu dürfen. Ihre Mutter zögerte zunächst, denn schließlich gab es damals Dinge, die sich für Mädchen nicht ziemten. Doch letzten Endes gab die Mutter nach, und Cassandra Wilson bekam ihr Bild mit dem Pony. „Ich bin so froh, dass sie mich das tun ließ“, erinnert sich die Sängerin. „Ich war furchtlos, und ich glaube, meine Mutter wollte diesen Zug in mir fördern.“

cassandra_potrait

Als furchtlos kann wohl auch gelten, die bewährte Band durch neue Musiker auszutauschen und mitsamt einer Auswahl an bislang nicht unbedingt in der Jazz-Szene beheimateten Gastmusikern wie Rapper Common oder R&B-Star John Legend ein ambitioniertes Hybrid-Werk aus Live- und Studio-Album aufzunehmen. Immerhin enthält Silver Pony die ersten Live-Aufnahmen, die Wilson auf Blue Note veröffentlicht. Das Konzept, nicht einfach „nur“ ein Live-Album herauszubringen, sondern dem Hörer dank des Wechsels zwischen Live- und Studioatmosphäre das gesamte Spektrum beteiligten Musiker zu eröffnen, geht auf.

Wunderschön: Watch The Sunrise im Duett mit John Legend, eine moderne Soulballade im Stile Brian McKnights (Never Felt This Way About Lovin‘), die man der Wilson gar nicht zugetraut hätte. Jazzpuristen werden ob dieses Stückes nörgeln. Ausverkauf, Mainstream, das-ist-ja-gar-kein-Jazz. Egal, denn es ist der krönende Abschluss eines grandiosen Albums.