
von Martin Mertens
Mit den chinesischen Hi-Fi Geräten ist es so eine Sache. Gut, wer nicht in die audiophile Oberklasse schielt, sondern mit irgendeinem Brüllwürfel bzw. einer Kompaktanlage für 100 Euro zufrieden ist - da kommt schließlich auch Musik raus -, wird sich nicht tiefergehend mit dem Thema beschäftigen. Seine "Hardware" kommt mit hoher Wahrscheinlichkeit längst aus China.
Wer es gewohnt ist, für Audiokomponenten fünfstellige Beträge auszugeben, macht sich über das Thema China-Hi-Fi auch keine größeren Gedanken. Um sich eine eigene Meinung zu bilden, beschafft er sich eben schnell mal einen "China Amp" - im schlimmsten Fall wird der eben bei der nächten Party verheizt.
Ich spekuliere mal, dass die meisten Leser von fairaudio nicht zu den zwei oben genannten Gruppen gehören. Sie sehen sich wohl eher in der audiophilen Mittelklasse. Da ist der audiophile Olymp, der von Firmen wie Krell, Mark Levinson, MBL oder Burmester beherrscht wird, noch weit entfernt. Von anderen etablierten Firmen bekommt man in dieser Preisklasse aber schon hoch anständige Geräte, mit denen musikhören richtig Spaß macht. Ja, oder man bekommt eben Geräte aus China, die, zumindest was die reinen Daten betrifft, durchaus berechtigt scheinen, die Anwartschaft auf die Aufnahme in den besagten audiophilen Olymp zu beantragen. Dazu gehören nicht nur zentimeterdicke, aus vollem Aluminium gefräste Frontplatten; dazu gehört mittlerweile auch die Verwendung von in audiophilen Kreisen hoch beleumundeten Elektronikbauteilen und Schaltungstechniken. Als Beispiele kann ich die hier in fairaudio besprochenen Verstärker Classic 6.6, Dussun V8i oder JungSon JA 88D Luxury sowie den Lautsprecher Volent Paragon VL-2 anführen. Die erwähnten Tests zeigen, dass Komponenten aus China durchaus zu überzeugen wissen und dass sie meist nicht nur aus materieller, sondern oft auch aus klanglicher Sicht ein hervorragendes Preis-Leistungs-Verhältnis aufweisen.
Allerdings sprechen auch einige Argumente dagegen, sich Produkte aus chinesischer Fertigung zu kaufen. Wobei Sie vermutlich schon mehr Geräte aus chinesischer Fertigung besitzen, als Sie annehmen - lassen doch viele Markenfirmen dort ebenfalls produzieren. Produkte, die ein renommierter Hersteller aus chinesischer Fertigung anbietet, haben jedoch einen Vorteil: der Kunde kann darauf vertrauen, dass es ein gut ausgebautes Händler- und Servicenetz gibt. Die meisten Geräte kann man sich vor dem Kauf ansehen und vor allen Dingen anhören. Und im Falle eines Defektes ist ein Händler oder zumindest ein deutscher Servicepartner zuständig. China Hi-Fi Geräte werden dagegen oft 3-2-1 als Direktimporte versteigert oder sie werden über Webseiten, bei denen man den Anbieter nicht erkennen kann, im "Direktvertrieb" angeboten. Dabei weiß man letztendlich selten, wem man sein Geld überweist. Über die Zuständigkeit im Servicefall will ich nicht mal spekulieren. Daneben kursieren viele Gerüchte um CD-Player, die nicht für die europäische Netzspannung gebaut sind, Lautsprecher, die bei jeder Lieferung anders bestückt sind, oder gar Verstärker, bei deren Betrieb Gefahr für Leib und Leben droht.
Da ist es beruhigend, wenn es einen deutschen Importeur gibt, der auch im Servicefall Ansprechpartner ist. Und wenn dieser Importeur schon länger existiert und nicht jemand ist, der mal eben billig einen Container China-Elektronik abgreifen konnte und die Sachen jetzt bei eBay verhökert, sondern der sich darum bemüht, Produkte chinesischer Hersteller längerfristig am deutschen Markt zu etablieren - dann ist zumindest ein Gegenargument gegen China-Hi-Fi ausgeräumt. Klaus Scholz, der mit seiner Firma Belves unter anderem Geräte des chinesischen Herstellers JungSon vertreibt, ist da eine seriöse Adresse.
Gut, den Punkt, ob und wo man guten Gewissens chinesische Hi-Fi und High-End Geräte kaufen kann, hätten wir geklärt. Mindestens genauso wichtig ist aber die Frage, was das für Geräte sind und was sie können. Bevor Sie jetzt blind ein Paar JungSon BD 1N bestellen, lesen Sie erst einmal weiter, was Ihnen da möglicherweise ins Haus flattert.
Die
Lautsprecher kamen zusammen mit den passenden Lautsprecherständern
- die JungSon BD 1N gehören in die Klasse der Kompaktboxen - in insgesamt
vier Kisten verpackt bei mir an. Schon mal eine ganze Menge Material
fürs
Geld. Apropos Geld: Die Lautsprecher JungSon BD 1N kosten 1.200 € das
Paar, die dazu angebotenen Ständer nochmals 99 €. Drei Kisten
enthielten die Einzelteile der Lautsprecherständer. Die größte
und schwerste Kiste enthielt (erwartungsgemäß) die beiden Lautsprecher.
Nach dem Öffnen der sehr aufwendigen Verpackung staunte ich erst einmal
nicht schlecht. Zwei makellos spiegelbildlich furnierte und hochglanzlackierte
Lautsprechergehäuse kamen zum Vorschein. Mit den Maßen Höhe
410mm, Tiefe 385mm, Breite vorne 220mm, hinten 150mm - die Gehäuse
laufen nach hinten spitz zu -, fallen die BD 1N nicht klein aus. So besteht
kaum die Gefahr, dass jemand die Lautsprecher ins Regal, statt auf geeignete
Lautsprecherständer stellt. Also noch die anderen Kartons aufgerissen,
die Einzelteile der Lautsprecherständer zwischen dem Verpackungsmaterial
gesucht (hier hat man es mit der Verpackung ein wenig übertrieben)
und die Ständer mittels des mitgelieferten Schraubenziehers zusammengeschraubt.
Für geübte "schraubst Du noch oder wohnst Du schon"-Kunden
ein Kinderspiel.
Fertig aufgebaut, sehen die Ständer nicht ganz gelungen aus. Zum einen sind die furnierten Teile des Ständers in einem anderen Furnier gehalten als die Lautsprecher - ich würde es für Kirschholz halten, wogegen die Lautsprecher ein Buchenfurnier haben. Zum anderen kam man ich China wohl mit der sich nach hinten verjüngenden Gehäuseform der BD 1N nicht zurecht. Irgendwie sehen die Ständer so aus, als ob sie falsch herum unter den Lautsprechern stehen. Anders herum passen die Lautsprecher aber nicht auf die für sie vorgesehene Trägerplatte. Gut, ich würde ehrlich gesagt gleich zu anderen Lautsprecherständern tendieren, auch wenn die von JungSon stabil gebaut sind und sogar mit Spikes ausgeliefert werden.
Nachdem alles ausgepackt und aufgestellt war, wollte ich natürlich wissen, wie die Sache klingt - und war erst einmal mächtig enttäuscht. Die Wiedergabe klang angestrengt und eng. Gut, was erwartete ich von frisch ausgepackten Lautsprechern, die offensichtlich auf direktem Weg aus der chinesischen Fertigung kamen. Ich musste ihnen erst mal einige Zeit zum Einspielen einräumen - Zeit, sich mit der technischen Seite der JungSon BD 1N zu beschäftigen ...
Vollverstärker:
Dussun V8
Audiochina GmbH
UVP: 1.200 EUR
Equipment:
Quelle:
Audiomeca Obsession II
Creek Destiny
Verstärker:
Accuphase E-212
Classic 6.6
Creek A 50i
Lua 4040C
Lautsprecher:
Thiel CS 2.4
ZU Druid mk4
Sehring 703 SE
Spendor S3/5
Sonics Argenta
Kabel:
NF: Straight Wire Virtuoso, Zaolla Reinsilber NF
LS: Ortofon SPK 500, Straight Wire Rhapsody, HMS Al Cinema